Führt die Anwesenheitspflicht ein: Marissa Mayer.
Führt die Anwesenheitspflicht ein: Marissa Mayer.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Inside Wall Street: Ab ins Büro!

Von Lars Halter, New York

Bislang genossen viele Mitarbeiter von Yahoo die Freiheit, von Zuhause aus zu arbeiten. Damit ist nun Schluss. Chefin Mayer befiehlt ihren Leuten: Zurück ins Büro, denn dort arbeite es sich produktiver. So mancher Betroffene ist sauer.

Marissa Mayer macht Schlagzeilen. Wieder einmal. Zunächst kam die 37-Jährige im Sommer 2012 als erste Frau an die Spitze des Internet-Konzerns Yahoo, dann sorgte sie mit ihrer Schwangerschaft für Aufregung, bevor sie Yahoo-User medienwirksam über den Namen ihres Sohnes abstimmen ließ. Der Kleine heißt jetzt Macallister – mit Vornamen, wohlgemerkt. Jüngstes Mayer-Thema in der US-Presse ist die Personalpolitik: Yahoo-Mitarbeiter dürfen nicht länger zu Hause arbeiten. Das sorgt für Unruhe im Silicon Valley.

Etwas unerwartet kommt die Initiative durchaus. Als Mayer im vergangenen Sommer als frisch gekürte Yahoo-Chefin ihre Schwangerschaft bekannt gab, erklärte sie noch gut gelaunt, dass sich die Familienplanung mit der neuen Aufgabe bestens vertrage: immerhin könne sie eine Zeit lang von zu Hause arbeiten. "Telecommuting" war bei dem Unternehmen längst üblich, für die Frau im Chefsessel sollte es keine Ausnahme geben.

Doch das alles war einmal ... Mayer hat ihre Meinung geändert. Per Email erfuhren Tausende von Mitarbeitern in dieser Woche, dass das Heimbüro nicht länger geöffnet sein soll. "Um der absolut beste Arbeitsplatz zu werden, legen wir verstärkt Wert auf Kommunikation und Zusammenarbeit", hieß es aus der Chefetage. Ein Schock für viele, die einst vor allem wegen der flexiblen Arbeitspolitik des Unternehmens angeheuert hatten. Dabei dürfte wohl auch dem optimistischsten Mitarbeiter nicht entgangen sein, dass es bei Yahoo nicht allzu gut läuft. Zuletzt ging es für die Internet-Aktie zwar ein wenig ins Plus, bei rund 20 Dollar notiert das Papier aber noch immer rund halb so teuer wie einst beim Höchststand vor sieben Jahren. Zum Vergleich: Der Kurs von Google hat sich im gleichen Zeitraum mehr als verdoppelt.

Auf der Suche nach Innovationen

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Neue Ideen müssen her, und Marissa Mayer hat durchaus recht, wenn sie ihre Leute wieder ins Büro zitiert. US-amerikanische Arbeitsplatz-Experten haben in zahlreichen Kolumnen in den letzten Tagen recht eindeutig bestätigt, dass die direkte Kooperation im Großraumbüro, der Gedankenaustausch am Schreibtisch und der kleine Klatsch am Wasserspender maßgeblich die Innovation in einem Unternehmen fördern können. Yahoo hat lange keine innovativen Produkte mehr vorgestellt, jetzt will man mit neuem Input und einem verbesserten Office-Klima wieder zurück auf die Erfolgsspur.

Ob das gelingt, bezweifeln zahlreiche Kritiker. Für jeden Experten auf Mayers Seite scheint es in den USA zur Zeit zwei zu geben, die sich gegen die erfolgreiche Managerin wenden. Unter ihnen ist Virgin-Chef Richard Branson, der die Ära fester Arbeitszeiten im Büro für abgelaufen hält und wahre Kreativität nur dann erwartet, wenn Mitarbeiter komplette Freiheit in Bezug auf ihre Arbeit und Arbeitsstunden haben. Wer hat nun recht? Die Disziplinfraktion, die ihre Leute morgens pünktlich im Büro sehen will? Oder die Revoluzzer, die lieber im Unterhemd am heimischen Schreibtisch in die Tastatur hauen?

Unabhängige Studien geben beiden Fraktionen recht. Wissenschaftler der Universität Stanford haben etwa herausgefunden, dass die Produktivität in Call-Centern um 13 Prozent stieg, wenn Mitarbeiter zuhause arbeiten konnten. Die Kollegen der Universität von Texas sagen nach einer Untersuchung, dass Arbeiter am heimischen Schreibtisch sogar länger zu arbeiten bereit sind und wöchentlich zwischen fünf und sieben Stunden mehr aufbringen als die Kollegen im Büro.

Die Forscher am renommierten MIT in Boston haben wiederum erfahren, dass die persönliche Anwesenheit einen Mitarbeiter in den Augen des Chefs zuverlässiger aussehen lassen. Das kann nicht überraschen, denn wer zuhause arbeitet und vor jeder Überwachung gefeit ist, der kann sich natürlich auch ablenken lassen, Computerspielen frönen, die Beine hochlegen. Das sei bei Yahoo durchaus üblich gewesen, heißt es jetzt von Seiten einzelner Insider. Andere sagen, dass die Online-Leute durchaus fleißig gewesen seien, die Arbeit von zu Hause aus lediglich schlecht koordiniert gewesen sei. Wie auch immer, für Yahoo scheint es eine Reihe von Gründen zu geben, ein beliebtes Arbeitsmodell der Online-Branche zumindest für gewisse Zeit zu ändern.

Ob sich die Innovationsfreude dadurch ankurbeln und der Börsenkurs in die Höhe treiben lassen, das bleibt zunächst offen.

Quelle: n-tv.de