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Unterstützer von Pussy Riot demonstrieren gegen Putin.
Unterstützer von Pussy Riot demonstrieren gegen Putin.(Foto: picture alliance / dpa)

Kämpfe gegen Mächtige 2012: David gegen Goliath

Eine Schülerin bezahlt ihren Mut um ein Haar mit dem Tod. Ein Staatsfeind fühlt sich nur noch hinter Botschaftsmauern sicher. Zwei junge Mütter müssen ins Straflager, ein blinder Bürgerrechtler flieht ins Exil. Vier Geschichten vom Kampf gegen Mächtige 2012.

Ob in Russland, China oder Pakistan - auch im vergangenen Jahr haben wieder Menschen weltweit den Großen und Mächtigen die Stirn geboten. So unterschiedlich ihr Schicksal, eines eint sie: Am Ende hatten sie alle einen hohen Preis dafür zu zahlen.

Malala Yousafzai gegen die Taliban

Die 15-jährige Malala überlebt den Angriff der Taliban.
Die 15-jährige Malala überlebt den Angriff der Taliban.(Foto: dpa)

Ein Kopfschuss macht Malala aus Pakistan weltbekannt. Die 15-Jährige will sich nicht damit abfinden, dass Mädchen im streng islamischen Swat-Tal nicht zur Schule gehen dürfen. Mutig gibt sie Interviews, schreibt einen Internet-Blog für die britische BBC - immer unterstützt von ihrem Vater, der selbst eine Mädchenschule leitet. Den radikalislamischen Taliban ist Malala ein Dorn im Auge, sie machen kurzen Prozess. Am 9. Oktober überfallen sie den Schulbus, in dem das Mädchen sitzt, und schießen Malala direkt in den Kopf. Das soll allen eine Warnung sein, sagen sie.

Aber die Geschichte hat ein Happy End. Malala wird nach Großbritannien ausgeflogen, in einer Spezialklinik kann sie nach westlichen Standards behandelt werden. Und dann, nach bangen Tagen, die gute Nachricht: Wie durch ein Wunder hat die Kugel das Gehirn nur gestreift, Malala wird wieder ganz gesund werden, auch wenn es viele Monate dauern wird.

Die Taliban haben das Mädchen unfreiwillig zur Heldin gemacht. Tausende Menschen aus aller Welt schreiben Malala Briefe ins Krankenhaus, schlagen sie für den Friedensnobelpreis vor. Stars wie die Hollywood-Schauspielerin Angelina Jolie spenden Geld für Mädchenschulen. Die Vereinten Nationen initiieren ein Bildungsprogramm: "Ich bin Malala". In Pakistan gibt es sogar einen "Malala Day". Dieser Schuss ging eindeutig nach hinten los.

Pussy Riot gegen den Kreml

Unschuldslämmer sehen anders aus. Dichtgedrängt sitzen drei junge Frauen im Gitterkäfig vor ihrem Richter, ein bisschen zerzaust, blass, übermüdet. Mal unsicher grinsend, mal den Mund herausfordernd geschürzt, mal sorgenvoll der Blick. Keiner kommt 2012 an diesen Bildern vorbei. Über Wochen kaum eine Nachrichtensendung, in der der Sprecher nicht, ohne mit der Wimper zu zucken, das Wort "Pussy Riot" in den Mund nimmt - zu Deutsch so viel wie "Muschi-Aufstand".

Bilderserie

Maria Aljochina, Nadeschda Tolokonnikowa und Jekaterina Samuzewitsch wollen und wollten provozieren. Sie finden, man muss etwas tun gegen Kremlchef W ladimir Putin, der sich nun schon zum dritten Mal zum Präsidenten hat wählen lassen und die Opposition in Russland mit harter Hand kleinhält. Im Februar stürmen die Pussy-Riot-Frauen in bunten Klamotten, Strumpfmasken über dem Kopf, vor den prachtvollen Altar der Moskauer Erlöser-Kathedrale, fangen an zu tanzen und schreien ein "Punk-Gebet": "Mutter Gottes, Du Jungfrau, vertreibe Putin!"

Über die Aktion lässt sich streiten. Aber der Kreml reagiert so humorlos und unbarmherzig, dass das Entsetzen weltweit groß ist. In einem Gerichtsverfahren, das viele als Schauprozess empfinden, werden Aljochina und Tolokonnikowa, beide Mütter kleiner Kinder, zu zwei Jahren Straflager verurteilt. Samuzewitsch kommt auf Bewährung frei. Der Vorwurf lautet: Rowdytum aus religiösem Hass. Die Frauen entschuldigen sich und betonen ihre politischen Motive. Aber Putin hat keinen Sinn für vorwitzige Kätzchen - also: schuldig.

Julian Assange gegen die USA

Es ist der Stoff für einen erstklassigen Polit-Thriller. Ein Netzwerk von Recherche-Freaks kommt an brisante Geheimdokumente der USA, veröffentlicht sie massenhaft im Internet. Dann wird der Verantwortliche auf einmal von der Justiz gesucht - zwei Frauen beschuldigen ihn der Vergewaltigung. Der Mann taucht unter, sieht sich als Opfer einer Verschwörung. In Wahrheit sei ihm die CIA auf den Fersen. Als er der Polizei in die Hände geht, wehrt er sich vor Gericht vergeblich gegen die Auslieferung. Schließlich flüchtet er sich in eine Botschaft und bittet um politisches Asyl.

Wikileaks-Gründer Julian Assange.
Wikileaks-Gründer Julian Assange.

Wikileaks-Gründer Julian Assange (41) sorgt 2012 für manche diplomatische Verwicklung. Seit Juni sitzt der Australier nun in der ecuadorianischen Vertretung in London fest. Gerne würde er sich nach Mittelamerika absetzen. Aber die Briten denken nicht daran, ihn unbehelligt zum Flughafen fahren zu lassen. Sobald er einen Fuß vor die Tür setzt, soll er festgenommen und nach Schweden ausgeliefert werden, um sich dort den Vergewaltigungsvorwürfen zu stellen. Für Assange ist der Fall klar: Bis er von dort in den USA landet, ist es nur eine Frage der Zeit. Und dann wird er zur Rechenschaft gezogen.

Inzwischen ist der Geschichte ein wenig das Tempo ausgegangen, der Plot tröpfelt so dahin. Wann es zum großen Showdown kommt? Ungewiss. Aber tatsächlich ist der erste Wikileaks-Film in Hollywood schon in Planung.

Chen Guangcheng gegen Peking

Gestützt von seiner Frau und einem Helfer wird Chen Guangcheng in den USA in Empfang genommen.
Gestützt von seiner Frau und einem Helfer wird Chen Guangcheng in den USA in Empfang genommen.(Foto: AP)

Am Ende geht alles ganz schnell. Er soll jetzt seine Sachen packen, heißt es. Stunden später sitzt der blinde Bürgerrechtler Chen Guangcheng (heute 41) mit Frau und Kindern im Flugzeug von Peking nach New York. In die Freiheit humpelt er auf Krücken, den Fuß in Gips, gestützt von seiner Frau Yuan Weijing.

Zuvor: sieben Jahre Verfolgung, Demütigung, Haft oder Hausarrest. Chen hat sich  selbst Jurakenntnisse beigebracht, als Anwalt hilft er Opfer von Zwangsabtreibungen. Die chinesische Führung drangsaliert ihn dafür, wo sie nur kann. Am 22. April, Chen steht schon wieder seit 19 Monaten unter Hausarrest, gelingt die Flucht. Chen springt über die Mauer seines Hauses, bricht sich dabei den Fuß, Freunde helfen ihm weiter nach Peking. Später wird bekannt, dass er in der US-Botschaft Schutz gefunden hat.

Aber Sicherheit ist für einen wie Chen immer relativ. Tage später lässt er sich aus der Botschaft in ein Krankenhaus zu Frau und Kindern bringen - angeblich freiwillig. In Wahrheit fürchtet er um seine Familie. "Ich bin in ernster Gefahr", sagt er dem Chinakorrespondenten am Telefon.

Auch wenn ihm die chinesische Führung am Ende erlaubt, ein Studium in den USA zu beantragen - richtig frei fühlt Chen sich nicht einmal am anderen Ende der Welt. Die ersten Worte am New Yorker Flughafen wählt er mit Bedacht. Sein Heimatdorf wird streng bewacht, dem Neffen droht eine Anklage wegen Mordversuchs. Er hatte zur Verteidigung ein Messer gezückt, als staatliche Schläger in sein Haus eindrangen.

Quelle: n-tv.de