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"Man muss auf effektive Weise möglichst viel Wasser an die Brennstäbe heran bekommen."
"Man muss auf effektive Weise möglichst viel Wasser an die Brennstäbe heran bekommen."(Foto: REUTERS)

Von Schneekanonen, Datenchaos und Mut: "Das ist in der japanischen Seele"

Eigentlich wollten wir von Dr. Joachim Knebel, Chief Science Officer am Karlsruher Institut für Technologie, wissen, warum Schneekanonen für die Kühlung der Brennstäbe in der beschädigten Anlage Fukushima ungeeignet sind. Dabei haben wir – ganz unerwartet – etwas über den Mut der Japaner erfahren. Und über einen Schock, der sie zurzeit besonders hart trifft.

n-tv.de: Herr Knebel, einige unserer Leser möchten wissen, ob man zur Kühlung der überhitzten Brennstäbe in den Reaktoren von Fukushima nicht Schneekanonen verwenden könnte.

Joachim Knebel: Nein, das ist eine gut gemeinte, aber technisch überhaupt nicht sinnvolle Lösung. Die Brennstäbe werden, wenn sie nicht richtig gekühlt werden, sehr heiß. Diese Wärme muss abgeführt werden. Das bedeutet, man muss auf effektive Weise möglichst viel Wasser an die Brennstäbe heran bekommen. Kühlwasser hat eine sehr hohe Wärmekapazität, es nimmt die Wärme sehr gut auf. Schnee ist – je nachdem wie dicht der Schnee ist – hauptsächlich Luft, und Luft nimmt die Wärme sehr schlecht auf. Sie würden also zu viel Mühe, zu viel Energie zum Pumpen und Pusten von Schnee und Luft vergeuden. Wenn etwas an Kühlmittel in den Reaktor hereinzubringen ist, dann Wasser mit Pumpen. In diesem Fall Meerwasser.

Die Kälte vor Ort trägt demnach - auch das wollten Leser wissen - nicht zur Besserung der Lage bei?

Nein. Luft ist einfach ein so schlechter Wärmeüberträger. Die Kälte ist für die Menschen dort schlimm. Die haben jetzt schon genug Katastrophen gehabt, und jetzt frieren sie auch noch.

Muss jetzt im Kraftwerk immer wieder neues, kühles Wasser nachgeliefert werden?

Dr. Joachim Knebel ist Sprecher für Kernenergie und Sicherheit und Chief Science Officer am Karlsruher Institut für Technologie. Er hat im Forschungszentrum von Tokai, Japan, gearbeitet.
Dr. Joachim Knebel ist Sprecher für Kernenergie und Sicherheit und Chief Science Officer am Karlsruher Institut für Technologie. Er hat im Forschungszentrum von Tokai, Japan, gearbeitet.(Foto: KIT)

Ich habe keine Informationen darüber, ob die normalen Wärmetauschkreise noch funktionieren. Das Wasser, das im Reaktorkern die Wärme aufgenommen hat, gibt die Wärme normalerweise über den Wärmetauscher ab und strömt dann wieder in den Kern zurück. Aber ich gehe davon aus, dass diese Systeme nicht mehr funktionieren. Was jetzt also wahrscheinlich gemacht wird – Vermutung von außen – ist, dass immer Wasser dazugegeben wird, das Wasser nimmt die Nachzerfallswärme auf und verdampft an die Atmosphäre - je nachdem, wie kaputt das System ist. Aber zumindest werden so die Brennstäbe gekühlt und eine noch stärkere Zerstörung der Brennelemente wird vermieden.

Verteilen sich mit dem Wasserdampf dann auch radioaktive Partikel?

Die Radioaktivität, die aus den Reaktoren herauskommt, sind in hohem Maße die radioaktiven gasförmigen Spaltprodukte und Edelgase, die in die Atmosphäre getragen werden, sobald die Hüllrohre versagen. Die werden vom Wind weiter verbreitet. Da lässt sich auch sehr gut ausrechnen, wann diese radioaktiven Stoffe wo ankommen. Dann kann man entsprechende Maßnahmen ergreifen. Der eigentliche Kernbrennstoff, der ist deutlich zu schwer, der wird nicht in dem Maße aus dem Reaktor hinausgetragen. Das kann nur durch hohe energetische Explosionen direkt im Reaktor geschehen. Eine Mengenangabe wäre da aber pure Spekulation. Die Datenlage ist im Moment sehr unübersichtlich. Sie ist nicht dürftig, sie ist unübersichtlich, weil es unwahrscheinlich schwierig ist, genaue Daten zu bekommen. Es sind ja nicht mehr so viele Menschen vor Ort.

Wie ist es um die bestellt, die dort noch arbeiten? Wie groß sind ihre Überlebenschancen?

"Sie haben Messpunkte. Sie wissen, wo gerade welche Strahlung ist."
"Sie haben Messpunkte. Sie wissen, wo gerade welche Strahlung ist."(Foto: AP)

Das hängt definitiv davon ab, wie stark sie dort der Strahlung ausgesetzt werden; davon also, wie effektiv sie dann an die Schaltwarte oder Anlage herangehen, wenn gerade wenig Radioaktivität, wenig Spaltprodukte da sind. Sie haben dort Messpunkte. Sie wissen, wo gerade welche Strahlung ist. Und so können sie dann immer gerade dort arbeiten, wo gerade wenig Strahlung ist. Aber natürlich bekommen sie viel Strahlung ab. Wie viel, das lässt sich nicht sagen. Den Mut, den die Menschen beweisen, den können sie nicht regeln. Das ist in der japanischen Seele drin.

Das ist interessant, dass Sie das gerade erwähnen.

Ich habe dort, im Forschungszentrum von Tokai, gearbeitet, ich kenne die Menschen dort.

Was hat es mit diesem außergewöhnlichen Mut auf sich? Wo kommt der her?

Die Japaner sind sowas von schockiert von dem absoluten technischen Versagen ihrer Hochtechnologienation – denn es sind ja komplette Infrastrukturen ausgefallen. Sie haben ihrer Technik sehr stark vertraut. Und nun gibt es diesen kleinen Trupp von 50 Mann – wie auch immer sie das entschieden haben. Dieser kleine Trupp aber nimmt nun allen Mut zusammen und versucht, die Geschichte zu Ende zu bringen. Dahinter steht die Frage: „Müssen wir jetzt wirklich anfangen, das Undenkbare zu denken?“

Mit Joachim Knebel sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de