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Der beschädigte Block 4.
Der beschädigte Block 4.(Foto: AP)

Japans Regierung zapft Reisreserven an: Situation in Fukushima außer Kontrolle

Im Atomkraftwerk Fukushima ist die Lage unbeherrschbar: Neue Feuer, stark erhöhte Strahlung und offenbar eine weitere beschädigte innere Reaktorhülle machen die Löscharbeiten akut lebensgefährlich. Die Helfer müssen das AKW-Gelände zwischenzeitlich wegen zu starker Strahlung verlassen. Die gemessenen Werte erreichen neue Rekordmarken. US-Truppen sowie Südkorea sollen helfen. Frankreich fordert seine Bürger bereits auf, Tokio zu verlassen. Hunderttausende sind bei Temperaturen um den Gefrierpunkt weiter ohne Strom, Essen und Wasser werden knapp.

Die Lage im Katastrophen-Atomkraftwerk Fukushima in Japan ist offenbar vollkommen außer Kontrolle. Nach weiteren Feuern an zwei Reaktoren und einem starken Anstieg der Strahlung mussten sich die Arbeiter am Mittwoch aus dem Kraftwerk zurückziehen und ihre Arbeiten vorerst einstellen. Die Regierung forderte auch im Ausland Hilfe an. Östlich von Tokio gab es ein Nachbeben mit der Stärke 6,0 auf der Richterskala, in der Hauptstadt wankten Gebäude. Eine Tsunami-Warnung gab es indes nicht.

Die Lage in Fukushima wird immer schlimmer.
Die Lage in Fukushima wird immer schlimmer.(Foto: dpa)

Am Mittwoch fingen sowohl Reaktor 4 als auch Reaktor 3 Feuer. Zudem wurde inBlock 3 womöglich die wichtige innere Reaktorhülle beschädigt, sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Mittwoch nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo. Das Fernsehen zeigte Bilder, wie stundenlang dichte Rauchschwaden von der Anlage aufstiegen. Reaktor 3 gilt als der gefährlichste der sechs Blöcke, weil sich dort nach Angaben der Umweltorganisation Greenpeace Plutonium befindet.

Die radioaktive Strahlung auf der Anlage erreichte neue Rekordmarken. Japan wandte sich nun auch an die USA. Unterstützung der US-Truppen könnte nötig sein, sagte Edano. Die Nachrichtenagentur Kyodo meldete zudem, dass die Regierung auch dem Einsatz ausländischer Ärzte für die Erdbebenopfer zustimme. Südkorea will einen Teil seiner Reserven des Halbmetalls Bor nach Japan schicken. Damit sollen die schwer beschädigten Atomreaktoren im Kraftwerk stabilisiert werden.

Löscharbeiten unmöglich

Zuvor überschlugen sich die Schreckensnachrichten: Zunächst fing am Mittwochmorgen Reaktor 4 Feuer, ausgelöst vermutlich durch eine Wasserstoffexplosion, wie der Sender NHK berichtete. Auch von Reaktor 3, wo Brennstäbe mit hochgiftigem Plutonium gelagert sind, stieg wenig später Rauch auf. Auf eine Explosion dort gebe es aber keine Hinweise, sagte Edano auf einer Pressekonferenz. Später hieß es, der Druck im Reaktormantel von Block 3 sei stabil geblieben.

In dem Unglücks-Atomkraftwerk gab es seit dem Tsunami am Freitag in den Reaktoren 1 bis 4 mehrere Explosionen und Brände. Am Dienstag hatte es schon geheißen, dass die Reaktorhülle in Block 2 beschädigt sein könnte. Dieser Schaden könnte nach Angaben der japanischen Atomsicherheitsbehörde auch der Grund für die hohe Strahlung sein. Der Tsunami hatte das Kühlsystem des Atomkraftwerks zerstört, weshalb die Brennstäbe nicht mehr gekühlt werden können. Eine Kernschmelze wird seit Tagen vermutet.

Löscharbeiten waren am Mittwochmorgen (Ortszeit) offensichtlich unmöglich. Erst sollten Hubschrauber zum Löschen eingesetzt werden. Dies sei aber zu gefährlich, sagte Edano. Auch sei die Strahlung zu hoch, als dass Mitarbeiter auf das Gelände könnten. Ob nun alle verbliebenen Mitarbeiter endgültig abgezogen werden sollen, war unklar. Im Fernsehsender NHK sagte ein Sprecher der Atomaufsicht, die Menschen könnten nicht mehr in den Kontrollraum. Sie seien in sichereren Räumen untergebracht.

Die Nachrichtenagentur Kyodo meldete, dass der Rauch am Reaktor 3 direkt vom Behälter mit den Brennstäben kommen könnte. Am Sonntag war in dem Reaktor die Kühlung ausgefallen. Danach explodierte freigewordener Wasserstoff. Das äußere Gebäude wurde zerstört.

Strahlung erreicht Rekordmarke

Die Strahlung an dem Atomkraftwerk erreichte in der Nacht zu Mittwoch den Höchstwert von 1000 Millisievert (1 Sievert), berichtete Edano. Am Mittwochmorgen habe der Wert bei weiteren Messungen zwischen 600 und 800 Millisievert gelegen. 1000 Millisievert sind in Deutschland das Tausendfache dessen, was ein Mensch über ein ganzes Jahr hinweg an zusätzlicher Strahlung aufnehmen darf.

(Foto: Stepmap)

Für die zusätzliche künstliche Strahlenbelastung, etwa in der Industrie, senkte der Gesetzgeber im Jahr 2001 den Grenzwert für die Jahresdosis von 1,5 auf 1 Millisievert. Nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz können bei einem Dosisbereich von 1 bis 6 Sievert unter anderem Übelkeit, Erbrechen, Fieber und Haarausfall als Symptome auftreten.

Auch nach den neuen Vorfällen gebe es keine Pläne, die Evakuierungszone rund um das Atomkraftwerk auszuweiten, sagte Edano. Aktuell gilt ein 30-Kilometer-Radius. Anwohner, die diese Zone trotz der Evakuierungsanordnung noch nicht verlassen haben, sollen Türen und Fenster geschlossen halten.

Japan bleibt bei niedriger Einstufung

Bereits am Dienstag hatte Frankreich die Atomkatastrophe in Japan auf die zweithöchste Stufe in der Internationalen Bewertungsskala (INES) gestellt. Das Geschehen sei mit Stufe 6 von 7 zu bewerten, teilte der Präsident der Französischen Atomsicherheitsbehörde, André-Claude Lacoste, mit. Frankreich ist wortführend bei der Beurteilung von nuklearen Unfällen. Stufe 6 bedeutet eine erhebliche Freisetzung von Radioaktivität und eine umfangreiche Durchführung von Katastrophenschutzmaßnahmen. Der Super-GAU in Tschernobyl steht auf der obersten Stufe 7. Auch ein unabhängiges US-Forschungsinstitut stufte die Nuklearkatastrophe in Japan inzwischen auf der Störfallstufe 6 von 7 ein.

Die japanische Behörde für Atomsicherheit blieb indes bei ihrer Einschätzung, dass die Vorfälle mit der Stufe 4 zu bewerten seien. "Es gibt hier keine Diskussion über eine Höherstufung", sagte ein Behördenvertreter.

Radioaktivität in Tokio verzehnfacht

Je nach Windrichtung könnte die Strahlung auch eine Katastrophe für den Großraum Tokio mit 35 Millionen Menschen bedeuten. In der etwa 250 Kilometer von Fukushima 1 entfernten Hauptstadt stieg am Dienstag die Strahlung auf das Zehnfache. Frankreich forderte seine Bürger in Tokio auf, das Land zu verlassen oder sich in den Süden Japans zu begeben. Man habe die Air France gebeten, bei der Evakuierungsaktion zu helfen. Zwei Maschinen seien bereits auf dem Weg.

Das Foto zeigt den Reaktorblock 3 in Fukushima 1 nach der Explosion.
Das Foto zeigt den Reaktorblock 3 in Fukushima 1 nach der Explosion.(Foto: AP)

Schon am Dienstag verließen zahlreiche Menschen die Hauptstadt. Es kam trotz aller Appelle der Regierung, Ruhe zu bewahren, zu Hamsterkäufen. In Tokio wurden Lebensmittel, Radios, Kerzen, Taschenlampen und Schlafsäcke knapp. Trotz der zehnfach erhöhten Strahlung bestehe jedoch keine Gefahr für die Gesundheit, versuchte der Gouverneur der Stadt zu beruhigen. Japaner und Ausländer versuchten trotzdem, den Ballungsraum Tokio zu verlassen. Auf dem Flughafen Haneda warteten Hunderte Frauen mit ihren Kindern auf einen Flug.

Die deutsche Botschaft verstärkte ihre Hilfe für Deutsche, die in den Süden ausweichen oder das Land ganz verlassen wollen. Die Lufthansa wird Tokio vorerst nicht mehr anfliegen. Firmen wie SAP und BMW holten Mitarbeiter nach Deutschland zurück. Deutsche Medien ziehen ihre Reporter zum Teil aus Tokio ab. Einige werden aus weiter südlich gelegenen Landesteilen ihre Berichterstattung weiterführen.

Cäsium 137, radioaktives Jod und Strontium

Greenpeace-Experte Tobias Münchmeyer sprach von einer "neuen Dimension" nach den Explosionen in Fukushima. Zu Parallelen zwischen Fukushima und Was bedeutet Fukushima 4? : "Die Frage ist jetzt, ob und wenn ja, wie schnell und wie viel Radioaktivität frei wird", sagte er bei n-tv. Auch wenn sich die japanischen Reaktoren in der Bauweise von Tschernobyl unterschieden, "haben wir in beiden Fällen eine unvorstellbar große Menge an Radioaktivität, die frei werden könnte und die natürlich auch im Falle von Japan große Teile der Umgebung ganz stark radioaktiv verseuchen könnte."

Stromrationierung: Auch Tokio gleicht einer Geisterstadt.
Stromrationierung: Auch Tokio gleicht einer Geisterstadt.(Foto: dpa)

Radioaktivität aus den japanischen Atomkraftwerken kann nach Angaben von Prof. Christoph Hoeschen vom Helmholtz Zentrum München nur im Extremfall auch eine Gefahr für Deutschland werden. "Wenn in einer der Reaktoren der innere Reaktorbehälter wirklich explodiert und dadurch radioaktive Stoffe hinausgeschleudert werden, können die weit transportiert werden", er. In Japan habe es aber noch keine große Explosion dieser Art gegeben.

Wasser und Essen fehlt

Die Versorgungslage in Teilen des Landes wird derweil immer schlimmer: Die Regierung rief die Bevölkerung auf, keine Hamsterkäufe mehr an Tankstellen zu machen und Energie zu sparen. Die Menschen sollten ihren Gas- und Treibstoffverbrauch einschränken, sagte Edano. Derzeit werde alles versucht, um dringend benötigtes Gas und Kraftstoffe in die Katastrophengebiete zu bringen. Die japanische Regierung erklärte sich inzwischen bereit, die Reisreserven anzubrechen und wo nötig zu verteilen.

Suche nach Verschütteten im Schneetreiben.
Suche nach Verschütteten im Schneetreiben.(Foto: dpa)

Die offizielle Zahl der Toten in Folge des Erdbebens und Tsunamis steht derzeit bei 3373. Das meldete der TV-Sender NHK am Mittwochmorgen unter Berufung auf die Polizei. Die Zahl der Vermissten geht nach wie vor in die Tausende. Weiter hieß es, dass 440.000 Menschen in 2400 Notunterkünften lebten. Dort mangele es teilweise am Nötigsten wie Wasser oder Essen. Zudem seien im Nordosten Japans 850.000 Haushalte bei Temperaturen um den Gefrierpunkt noch immer ohne Strom, meldete NHK nach Angaben des Energieversorgers Tohuku. Die Naturkatastrophen hätten 76.000 Gebäude beschädigt und mindestens 6300 weitere komplett zerstört.

Bilderserie
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Nach Vorhersagen der japanischen Wetterbehörde soll der Wind in den kommenden Stunden Richtung Osten und somit hinaus auf das Meer wehen. Im Großraum Tokio, 260 Kilometer südlich von Fukushima gelegen, geht die Angst vor einer radioaktiven Wolke um.

Quelle: n-tv.de