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Feuerwehrleute in Fukushima. Primäres Ziel des massiven Wasserwerfereinsatzes ist es, die Abklingbecken der Reaktoren 3 und 4 zu füllen.
Feuerwehrleute in Fukushima. Primäres Ziel des massiven Wasserwerfereinsatzes ist es, die Abklingbecken der Reaktoren 3 und 4 zu füllen.(Foto: AP)

Lage in Fukushima 1 bleibt angespannt: Strahlung sinkt, Reaktordruck steigt

Nach dem stundenlangen Einsatz von Wasserwerfern an den Reaktorblöcken 3 und 4 geht die Radioaktivität in Fukushima 1 leicht zurück. Der Wasserstand der Abklingbecken in beiden Blöcken bleibt aber gefährlich niedrig, zeigt ein aktueller Lagebericht. Zudem steigt der Druck in Block 3 an, weshalb Luft mit radioaktiven Substanzen abgelassen werden muss. Im Laufe des Tages sollen in den Reaktoren 1 und 2 die zentralen Kontrollräume wieder Strom bekommen, um Beleuchtung und Kühlung in Gang zu bringen. In der Bevölkerung wächst derweil die Sorge vor radioaktivem Regen.

Im japanischen Atomkraftwerk Fukushima bleibt die Lage weiter kritisch: In dem wegen seiner MOX-Brennelemente besonders gefährlichen Reaktorblock 3 sei der Druck wieder gestiegen, teilte der Sprecher der Reaktorsicherheitsbehörde, Hidehiko Nishiyama, im Fernsehsender NHK mit. "Wir müssen Maßnahmen ergreifen um den Druck im Reaktorbehälter zu verringern." Dies bedeute, dass Luft mit radioaktiven Substanzen aus dem Reaktor abgelassen werden müsse.

Am Samstag wurden rund 2000 Tonnen Wasser auf Reaktorblock 3 gespritzt.
Am Samstag wurden rund 2000 Tonnen Wasser auf Reaktorblock 3 gespritzt.(Foto: dpa)

Block 3 stand bis Sonntag früh 13 Stunden lang unter dem Beschuss von Wasserwerfern. "Das war eine sehr gefährliche und schwierige Aufgabe", sagte einer der beteiligten Feuerwehrmänner dem Sender NHK. "Überall lagen Trümmer herum. Den Mitgliedern des Teams war die Gefahr der Verstrahlung sehr bewusst." Die in Block 3 verwendeten Brennelemente sind gefährlich, weil es sich dabei um Plutonium-Uran-Mischoxide (MOX) handelt.

Auch Block 4 wurde für zunächst etwa eine Stunde mit Wasser bespritzt. Eingesetzt wurden zehn Wasserwerfer der japanischen Streitkräfte und ein Fahrzeug der US-Streitkräfte. Dort ist es ebenfalls das Ziel, den Wasserstand des Abklingbeckens mit abgebrannten Kernbrennstäben zu erhöhen. Der Reaktor 4 war wegen Wartungsarbeiten schon vor dem Erdbeben abgeschaltet. Dennoch sehen ihn Experten nach Block 3 als zweite große Gefahrenquelle an, weil den dort gelagerten Brennelementen in einem Kühlbecken mit wenig Wasser die Überhitzung droht.

Nach dem Einsatz von Wasserwerfern ging die Strahlung am Rand der Anlage um rund 25 Prozent auf 2625 Mikrosievert pro Stunde zurück, berichtete der Rundfunksender NHK. In beiden Reaktoren ist der Wasserstand der Abklingbecken aber weiterhin gefährlich niedrig, geht aus einem aktuellen Statusbericht des Japanischen Atomenergieforums (JAIF) hervor.

Unterdessen wurde das Kühlsystem im Reaktor 6 wieder in Gang gesetzt, nachdem dort die Stromversorgung wiederhergestellt worden war. Anschließend sei die Temperatur in einem überhitzen Kühlbecken deutlich gesunken, meldete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo mit Verweis auf den Kraftwerksbetreiber Tepco.

Reaktor 2 soll Strom bekommen

Die Stromversorgung für die zentralen Kontrollräume der Reaktorblöcke 1 und 2 soll im Laufe des Tages wiederhergestellt werden. Bevor es dazu kommt, sollen die Kühl-Anlagen des Meilers noch überprüft werden. Techniker haben bereits Stromkabel zu beiden Meilern gelegt. Mit dem Strom soll das Kühlsystem des Reaktors wieder in Gang gesetzt werden, das normalerweise eine Überhitzung der Kernbrennstäbe verhindert. Ob die Pumpen und Leitungen nach den gewaltigen Explosionen an mehreren Stellen im AKW noch funktionieren, ist allerdings völlig unklar.

In die Dächer der Reaktoren 5 und 6, in denen ältere Brennstäbe lagern, wurden Löcher gebohrt, durch die Wasserstoff entweichen kann, ohne dass er explodiert. Die Explosionen in anderen Reaktoren seien vermutlich durch Wasserstoff ausgelöst worden, hieß es auf der Internetseite der Internationalen Atomenergie-Behörde IAEA.

IAEA vorsichtig optimistisch

Der Eintritt der schlimmstmöglichen Katastrophe an den schwer beschädigten Atomreaktoren in Fukushima wird nach Einschätzung der IAEA mit jedem Tag unwahrscheinlicher. Entwarnung wollte die IAEA am Samstag jedoch nicht geben. "Die Dinge entwickeln sich in die richtige Richtung", sagte der IAEA-Experte Graham Andrew bei einer Pressekonferenz in Wien, dem Sitz der Organisation. Man könne nun die Wiederherstellung der Stromzufuhr zu den Reaktoren und die Bemühungen um die Kühlung beobachten. Damit reduziere sich das Risiko in Fukushima Tag für Tag. Auch wenn sich die Situation seit Tagen nicht verschlechtert habe, könne sie seiner Einschätzung nach immer noch eskalieren: "Kann etwas Unerwartetes passieren? Auf jeden Fall."

Sollte es eine komplette Kernschmelze in einem der Reaktoren 1 bis 3 oder in einem der vier Kühlbecken geben, wird das gesamte Gelände nach Experteneinschätzung so verstrahlt, dass Menschen dort nicht mehr arbeiten können. Dann dürften auch die anderen Reaktoren völlig außer Kontrolle geraten. Eine vielfache Kernschmelze wäre die Folge.

Mittlerweile 8133 Leichen geborgen

Die Zahl der Opfer des Erdbebens und des Tsunami ist unterdessen weiter gestiegen. Nach Polizeiangaben wurden inzwischen 8133 Leichen geborgen. 12.727 Menschen werden offiziell noch vermisst. Allein in der Präfektur Miyagi rechnet die Polizei mit mehr als 15.000 Toten, sagte ein örtlicher Polizeichef.

Die Gemeinden in den japanischen Unglücksgebieten berichten über Probleme mit den vielen Toten. Einem Bericht der Zeitung "Yomiuri" zufolge sind die Krematorien überfordert. In den betroffenen Provinzen werde nun überlegt, die Toten zu beerdigen, was in Japan sonst nicht üblich ist, weil es fast nur Feuerbestattungen gibt. Die provisorischen Leichenhallen reichten bei weitem nicht aus, schreibt das Blatt. Außerdem fehlt Eis zur Kühlung der Toten.

In einem Evakuierungszentrum im nordjapanischen Yamagata.
In einem Evakuierungszentrum im nordjapanischen Yamagata.(Foto: REUTERS)

Für die rund 400.000 Menschen in Notunterkünften verbesserte sich die Lage durch leicht steigende Temperaturen etwas. In den besonders stark betroffenen Präfekturen Miyagi und Iwate wurden tagsüber 10 Grad Celsius gemessen, doch nachts bleibt es weiter kalt. Zudem ist für Sonntag erneut Regen und Schnee angesagt.

Sorge vor radioaktivem Regen

Angesichts der Vorhersage von Regenfällen im Norden Japans macht sich in der Bevölkerung auch Sorge vor radioaktivem Niederschlag breit. "Eine gewisse Anzahl von Leuten" in Tokio und im Norden des Landes habe bei den Behörden nachgefragt, ob der für die Region Tokio angekündigte Regen radioaktiv verseucht sein könne, sagte der stellvertretende Kabinettschef Tetsuro Fukuyama gegenüber NHK und rief die Bevölkerung zur Ruhe auf. "Die aktuellen Werte bedeuten keinerlei Schaden für die Gesundheit." Wer sich Sorgen mache, solle einen Regenschirm benutzen. "Und wenn Sie nass werden, reinigen Sie sich", empfahl der stellvertretende Kabinettschef.

Die japanische Wetterbehörde hat drei bis fünf Millimeter Niederschlag im Umkreis des Atomkraftwerks Fukushima 1 vorhergesagt. Für den Abend wurde auch geringer Niederschlag für die 250 Kilometer weiter südlich gelegene Hauptstadt Tokio angekündigt. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes kann am Sonntag auch der Großraum Tokio von den Schadstoffen beeinflusst werden. Die im Großraum Tokio entdeckten radioaktiven Staubpartikel stellen nach Angaben der Regierung kein Gesundheitsrisiko dar.

Spinat, Milch und Trinkwasser belastet

Dafür prüft das japanische Gesundheitsministerium einen Verkaufsstopp von Lebensmitteln aus der Präfektur Fukushima. Milch, Spinat und Trinkwasser aus der Umgebung des defekten Kernkraftwerks sind stark radioaktiv. Leicht radioaktives Wasser ist sogar im 240 Kilometer entfernten Tokio nachweisbar.

Die radioaktiven Partikel haben sich weit verteilt: In der südlicheren Präfektur Ibaraki war ebenfalls belasteter Spinat entdeckt worden. Radioaktives Trinkwasser - wenn auch weit unter den Grenzwerten - wurde außer in Tokio auch in sechs weiteren Präfekturen entdeckt. Die Nachrichtenagentur Kyodo nannte die Präfekturen Fukushima, Tochigi, Gunma, Chiba, Saitama and Niigata. Es bestehe dort jedoch keine Gesundheitsgefahr durch das Wasser, selbst wenn man es trinke, teilte das japanische Wissenschaftsministerium mit.

Der Boden im Umkreis von 30 Kilometern um den Reaktor herum sei kontaminiert, sagte der Leiter des Instituts für Strahlenbiologie im Helmholtz-Zentrum München, Professor Michael Atkinson. "Doch die Aktivität des Radiojodids im Bodens scheint abzuklingen. Das ist ein Hinweis darauf, dass im Moment nichts aus dem Reaktor mehr austritt."

THW-Spezialisten zurückgekehrt

Die Bergungsspezialisten des THW nach ihrer Rückkehr aus Japan.
Die Bergungsspezialisten des THW nach ihrer Rückkehr aus Japan.(Foto: dpa)

Bergungsspezialisten des Technischen Hilfswerks (THW) kehrten unterdessen aus Japan nach Deutschland zurück. Die 41 Frauen und Männer landeten am Samstagabend mit einer Sondermaschine auf dem Flughafen Frankfurt und wurden in einer Wache der Flughafen-Feuerwehr in Empfang genommen. Mit an Bord waren 20 weitere Personen aus sechs Ländern, darunter fünf Deutsche. Sie wurden in Frankfurt von Seelsorgern betreut. Vor der Landung in Frankfurt waren in Zürich 21 Schweizer Retter abgesetzt worden. Auch Rettungshunde waren an Bord.

Messungen vor der Abreise wie nach der Landung hätten keine radioaktive Belastung der Helfer ergeben, sagte der Nuklearexperte des THW-Teams, Mario König. Die Gruppe habe sich dem Unglücksreaktor nicht mehr als 80 Kilometer genähert.

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Quelle: n-tv.de