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Ministerpräsident Kan ist offenbar auch ratlos.
Ministerpräsident Kan ist offenbar auch ratlos.(Foto: AP)

Neue Schreckensmeldungen aus Fukushima: Verstrahltes Wasser dringt aus Lecks

Rund um die Uhr kämpfen in Japan Techniker gegen die Kernschmelze. Unter Kontrolle ist trotzdem nichts: Radioaktives Wasser bringt die Arbeiten in Fukushima zum Stillstand. Messungen im Wasser des mit Plutonium-Brennstäben ausgestatteten Meilers zeigen eine 10.000-fache Radioaktivität an. Für Experten ist der Super-GAU schon da. Ministerpräsident Kan wiegelt jedoch weiter ab.

Trotz des verzweifelten Kampfs gegen die atomare Super-Katastrophe spitzt sich die Lage in Fukushima zu. Zwei Reaktoren des Atom-Wracks sind ohne jede Kühlung. An mehreren Stellen stand Wasser, das 10.000-fach stärker strahlte als gewöhnlich. "Die Regierung tut das Äußerste, um die Situation unter Kontrolle zu bringen", versicherte Japans Ministerpräsident Naoto Kan zwei Wochen nach dem Groß-Beben. Die Zahl der Erdbeben- und Tsunami-Toten stieg über 10.000. In Deutschland kamen minimale Mengen Radioaktivität aus Japan an.

Trotz intensiver Arbeiten gerät die Situation in Fukushima immer weiter außer Kontrolle.
Trotz intensiver Arbeiten gerät die Situation in Fukushima immer weiter außer Kontrolle.(Foto: AP)
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Regierungschef Kan räumte in seiner Ansprache ein, die Lage in Fukushima sei weiter "sehr ernst": "Wir sind noch nicht in einer Position, in der wir optimistisch sein können." Er dankte ausdrücklich den : Sie riskierten ihr Leben. Die Verstrahlten hätten sein Mitgefühl.

Störfall der Stufe 7

Die Umweltorganisation Greenpeace forderte, die AKW-Havarie auf die Super-GAU versus Panikmache einzuordnen. Das wäre Stufe 7 der Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES). Aus der Atomanlage seien schon jetzt entsprechend große Mengen an Radioaktivität entwichen, teilte Greenpeace mit. Die japanischen Behörden sprechen bisher nur von Stufe 5. Andere Atom-Experten meinten aber auch bereits, der Super-GAU sei schon da.

Stufe 7 der international einheitlichen sogenannten INES-Skala der IAEA war bislang erst einmal bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 ausgerufen worden. Greenpeace beruft sich auf eine Studie, die Daten des französischen Instituts für Atomsicherheit (IRSN) und der österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) auswertete. Demnach sei die Menge von freigesetzten radioaktiven Substanzen wie Cäsium 137 und Jod 131 so groß, dass eine Einstufung auf der INES-Stufe 7 nötig sei.

Die Arbeiter müssen sich immer wieder zurückziehen.
Die Arbeiter müssen sich immer wieder zurückziehen.(Foto: dpa)

Cäsium 137 und Jod 131 treten bei Unfällen in Atomkraftwerken als erstes in besonders großen Mengen aus. Greenpeace und Atomexperten anderer Organisationen warnen seit längerem davor, dass der radioaktive Gesamtinhalt des Kraftwerks von Fukushima den des Tschernobyl-Liquidatoren erinnern sich weit übersteigt. Dort sei 1986 ein Reaktor havariert, während in Japan drei vor einer Katastrophe stünden.

Strahlendes Wasser im Keller

Radioaktiv belastetes Wasser stoppte die Einsätze der Arbeiter an den Reaktoren 1 und 2, wie die Nachrichtenagenturen Kyodo und Jiji Press berichteten. Es wurde im Untergeschoss der Turbinenräume entdeckt - genau wie am Donnerstag bei Block 3. Die Techniker mussten sich zurückziehen. Wie die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf die Betreiberfirma Tepco meldete, war im Wasser an Meiler 1 eine Radioaktivität, die 10.000 Mal so hoch war wie üblich.

Greenpeace-Atom-Experte Christoph Lieven sagte: "Die Lage wird leider immer dramatischer." Die Kernschmelze finde sicherlich schon statt.

Tepco findet einfach keine Lösung. Doch die Arbeiter riskieren ihr Leben.
Tepco findet einfach keine Lösung. Doch die Arbeiter riskieren ihr Leben.(Foto: dpa)

Die beiden Arbeiter, die am Donnerstag in einem Keller neben Reaktor 3 verstrahlt wurden, standen nach Angaben der Betreiberfirma Tepco in Wasser mit einer Radioaktivität von 3,9 Millionen Becquerel pro Kubikzentimeter. Auch dieser Wert sei etwa 10.000 Mal so hoch wie in solchen AKW üblich. Die Atomsicherheitsbehörde NISA hatte von einer Dosis von 170 bis 180 Millisievert gesprochen, die die Arbeiter abbekamen.

In die Körper der Arbeiter sind vermutlich radioaktive Partikel eingedrungen. Die Männer zeigten aber keine Frühsymptome von Strahlenkrankheit und benötigten deshalb keine weitere Behandlung, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf das nationale Institut für Strahlenforschung. Die Männer könnten ohne fremde Hilfe gehen und könnten wahrscheinlich am Montag entlassen werden. Zurzeit werden die Arbeiter aus dem Krisenmeiler Fukushima im Strahleninstitut in Chiba behandelt.

Dezentrale Versorgung der Opfer

Künftig will die japanische Regierung Strahlenopfer dezentralisiert versorgen. Ab einer Zahl von 100 stark verstrahlten Opfern sollen die Patienten auf mehrere Klinken verteilt werden. Das einzige spezialisierte Strahlenforschungsinstitut in der Region könne nicht mehr Patienten aufnehmen, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf Regierungskreise.

Neben dem nationalen Strahlenforschungsinstitut in der Stadt Chiba im Osten Japans ist nur ein Strahlenzentrum in Hiroshima in Westjapan für extreme Notfälle eingerichtet. Neunzehn weitere Provinzhospitäler können aber ebenfalls Strahlenerkrankungen behandeln. Bei einer geringen Anzahl von Fällen können die Patienten vor Ort dekontaminiert und dann nach Chiba verlegt werden, berichtete Kyodo.

In den Trümmern raucht und qualmt es.
In den Trümmern raucht und qualmt es.(Foto: REUTERS)

Arbeiter, Feuerwehrleute oder Soldaten, die am Reaktor arbeiten, müssen behandelt werden, wenn sie einer Strahlung von mehr als 250 Millisievert ausgesetzt sind. Die Regierung hatte den Grenzwert aufgrund der Krisensituation angehoben.

Reaktorbehälter wahrscheinlich beschädigt

Vermutlich seien an Block 3 der Reaktorbehälter oder das Abklingbecken für abgebrannte Kernbrennstäbe beschädigt, berichtete der Betreiber Affären prägen Tepco . Die Atomaufsichtsbehörde NISA fügte an, das Wasser in dieser Anlage komme vermutlich vom Kern des Reaktors. Auch diese Berichte schürten neue Angst vor einer Kernschmelze.

Nach Einschätzung der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien sind noch viele Vorarbeiten nötig, bevor Ingenieure die vermuteten Lecks in den Reaktoren 1, 2 und 3 untersuchen und eventuell abdichten können. "Wir wissen nicht, wie lange es noch Austritt geben wird", sagte Graham Andrew, Technikexperte der IAEA.

Der IAEA-Sicherheitssprecher Denis Flory erklärte, es müssten noch einige Schritte unternommen werden, bevor die Ingenieure in Fukushima untersuchen könnten, ob tatsächlich Lecks vorhanden sind. Zunächst müssten die Reaktoren weiter gekühlt werden, um überhaupt erst eine Umgebung zu schaffen, in der Menschen innerhalb des Reaktors arbeiten und den Schaden beurteilen könnten. "In dieser Phase sind wir noch lange nicht", sagte Flory.

Block 3 gilt wegen seines Plutonium-Gehalts als besonders gefährlich. In den nächsten Tagen treibt der Wind die radioaktiven Partikel aus den Unglücksreaktoren jedoch auf das offene Meer - und nicht etwa in Richtung der Millionenstadt Tokio.

Eine Notwendigkeit, die 20-Kilometer-Evakuierungszone um das AKW auszuweiten, sieht Japans Regierung weiter nicht. Regierungssprecher Yukio Edano empfahl jedoch den Menschen im 30-Kilometer-Radius, freiwillig in weiter entfernte Regionen zu gehen.

Über 10.000 Tote

Währenddessen laufen im ganzen Land Aufräumarbeiten, doch die Retter finden nur Leichen.
Währenddessen laufen im ganzen Land Aufräumarbeiten, doch die Retter finden nur Leichen.(Foto: dpa)
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Die Zahl der Opfer nach Beben und Tsunami hat nach Medienberichten inzwischen die Marke von 10.000 Toten überschritten. Der Fernsehsender NHK berichtete von 10.035 Opfern am Freitagmorgen (Ortszeit). Rund 17.500 Menschen gelten als vermisst. Noch immer leben mehr als . Es fehlt weiter an Wasser, Heizmaterial, Treibstoff und Medikamenten.

Die Lebensmittelkontrollen in Deutschland wie in der gesamten EU werden angesichts des Atomunglücks verstärkt. "Künftig dürfen Lebensmittel aus den betroffenen japanischen Regionen nur noch in Deutschland eingeführt werden, wenn sie in Japan streng kontrolliert und zertifiziert wurden", teilte Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner mit. Erstmals wurde in Deutschland radioaktives Jod aus Japan gemessen. Die Dosis sei absolut unbedenklich, sagte eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums. Die Ankunft der radioaktiven Partikel war von Fachleuten erwartet worden.

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Quelle: n-tv.de