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Sieht "Brexit" als Risiko: IWF-Chefin Christine Lagarde.
Sieht "Brexit" als Risiko: IWF-Chefin Christine Lagarde.(Foto: REUTERS)

Lagarde warnt, Osborne auch: "Brexit"-Debatte prägt Davos

Flüchtlingskrise, "Brexit"-Gefahr, Wachstumsrückgang in China, fallende Ölpreise: Das Weltwirtschaftsforum zeigt etliche Risiken auf. Doch unterm Strich gibt es für 2016 vorsichtigen Optimismus.

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Trotz etlicher Risiken für die Weltwirtschaft sind die diesjährigen Davoser Debatten von Spitzenpolitikern und Topmanagern mit einer vorsichtig optimistischen Prognose für 2016 zu Ende gegangen. Das globale Wachstum werde voraussichtlich 3,4 Prozent sowie im kommenden Jahr 3,7 Prozent betragen, sagte die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, in der abschließenden Debattenrunde des Weltwirtschaftsforums (WEF) zu den globalen Perspektiven. "Das ist bescheiden, aber es ist gegenüber den 3,1 Prozent im Jahr 2015 immerhin eine Steigerung."

Die Französin, die am Vortag in Davos ihre erneute Kandidatur für den IWF-Chefposten verkündet hatte, wies zugleich auf mehrere große Gefahren hin. Weit vorn stehen dabei nach ihrer Einschätzung Risiken durch den Umbau in China von einer exportgetriebenen zu einer vor allem auf Binnennachfrage und Konsum basierenden Volkswirtschaft. "Das ist ein schwieriger Übergang", sagte sie. Das Wachstum werde sich verlangsamen. Sie glaube aber, dass China keine "harte Landung" erleben, sondern einen relativ gut kontrollierten Übergang schaffen werde.

Sorgen bereiten Lagarde zufolge weiterhin die fallenden Rohstoffpreise, insbesondere der Preisverfall beim Rohöl. Für die Wirtschaftsentwicklung in Europa konstatierte Lagarde eine leichte Erholung. Die Flüchtlingskrise sehe sie nicht nur als Risiko, sondern auch als Chance. "Wenn die Integration der Menschen funktioniert, kann dies mittelfristig sogar ein Vorteil sein." Für Länder wie Deutschland oder Schweden könne eine gut gemanagte Aufnahme und Integration durchaus ein Wachstumsfaktor sein. Die Wirtschaft in Europa habe sich verglichen mit der Lage Anfang 2015 etwas erholt, der IWF rechne mit einem Wachstum von 1,5 Prozent.

Briten machen Druck

Als großes Risiko für Europa bezeichnete Lagarde die Gefahr eines EU-Austritts Großbritanniens. Sie hoffe, dass es zu einer Einigung zwischen Großbritannien und den anderen EU-Mitgliedern komme. Der britische Finanzministers George Osborne erklärte - wie zwei Tage zuvor bereits Premierminister David Cameron - die Mehrheit der Briten würde gegen den "Brexit" stimmen, sollte die EU-Mitglieder bei Verhandlungen in Brüssel im Februar britischen Reformforderungen nachkommen. "Wenn der Premierminister und ich mit einem glaubhaften Reformpaket zurückkommen, dann hilft uns das, für den Verbleib in der EU zu werben."

Er sei optimistisch, dass es einen "guten Deal für Großbritannien und einen guten Deal für die EU" geben werde. "Wenn wir das dem britischen Volk vorlegen, wird das britische Volk in einer reformierten EU bleiben wollen", sagte Osborne. Großbritannien will unter anderem die Einwanderung auch aus Ländern der EU begrenzen und deshalb EU-Migranten Sozialleistungen erst nach vier Jahren zahlen. Dies ist in der Union umstritten und wird von einigen Mitgliedern abgelehnt.

Osborne verwies auf das Erstarken rechtspopulistischer Parteien und Organisationen in Europa. Regierungen dürften das nicht ignorieren und müssten sich der tatsächlichen Sorgen der Bevölkerung annehmen. "Im Vereinigten Königreich, und nicht nur bei uns, ist man besorgt angesichts des Zuwanderungsdrucks", sagte Osborne. "Wir bleiben deshalb dabei, dass wir sagen, man darf nach Großbritannien reisen und dort arbeiten, aber man darf nicht sofort unsere Sozialleistungen beanspruchen."

IWF-Chefin Lagarde verwies auch auf positive Entwicklungen des vergangenen Jahres. Die Vereinbarung der UN über nachhaltige Entwicklungsziele in Addis Abeba sowie der Klimavertrag von Paris könnten zur Ankurbelung der Weltwirtschaft beitragen. Ermutigend sei auch das starke Wachstum Indiens. "Indien blüht derzeit, während sich in China die Konjunktur verlangsamt", sagte Lagarde. Für Russland und Brasilien seien allerdings negative Wachstumsraten zu erwarten.

Quelle: n-tv.de