Spezial
Video

Joseph Stiglitz im Interview: "Wachstum in Deutschland ist armselig"

Dass viele Flüchtlinge nach Deutschland und nicht in andere Staaten Europas wollen, liegt auch an der deutschen Euro-Politik, kritisiert Joseph Stiglitz im Gespräch mit n-tv. Der Wirtschaftsnobelpreisträger warnt: Europa wird sich auf unruhige Zeiten einstellen müssen.

n-tv: Welche sind die größten Probleme dieser Tage in der Welt?

Joseph Stiglitz: "Ich denke die Abkühlung und das geringe Wachstum. 2015 war das schlechteste Jahr seit der Krise 2008/2009. Eins der zwei schlechtesten Jahre seit Beginn des Jahrhunderts, und aktuell gibt es keinen Grund zu glauben, dass es 2016 besser werden sollte. Einiges deutet sogar darauf hin, dass es noch schlechter werden könnte."

Wir haben Probleme in China, Indien, Brasilien. Einige auch in den Vereinigten Staaten. Woher kann globales Wachstum kommen?

"Das ist das Problem. Jede dieser wichtigen Regionen zeigt Schwächen. Wenn ich so weltweit schaue, haben die Vereinigten Staaten vielleicht die besten Aussichten, vorausgesetzt das Ergebnis der Wahlen wird sein, dass ein demokratischer Präsident und demokratischer Kongress an die Macht kommen. Die versuchen, die Investments zu steigern und die Infrastruktur und die langfristige Perspektive zu verbessern. Ich kann mir vorstellen, dass dies die Wirtschaft ankurbeln könnte. Aber amerikanische Wahlen sind immer unsicher. Die Wahlverfahren und die Demographie machen es den Demokraten sehr schwer, die Kontrolle über das Repräsentantenhaus zu erreichen."

Wie denken Sie über Deutschland in diesen Tagen?

"Ich denke Deutschland ist einer der besser abschneidenden Staaten in Europa. Aber wenn man auf das Wachstum seit der Krise schaut, dann war es jedoch nicht so sehr gut. Wenn wir es an einer Kurve benoten und an absoluten Zahlen festmachen, ist es sogar ziemlich armselig. Und das ist keine Überraschung, denn Europa als Ganzes bietet ein tristes Bild. Ich denke das lag insbesondere an der Sparpolitik, die ganz Europa übergestülpt wurde.

Der private Sektor muss angekurbelt werden, und dafür braucht es Investitionen der Regierung in Bildung, Infrastruktur und Technologie. Wenn man spart, dann gibt man zu wenig in diesen Bereichen aus. Es ist jetzt die Zeit, in der wir mehr Regierungsausgaben benötigen, um das gewünschte Wachstum zu bekommen, ansonsten wird es mit der, wie ich es nenne, großen Malaise - andere sagen sektorale Stagnation - weitergehen. Aber klar ist, es gibt eine schwache Performance der globalen Wirtschaft."

Ist die Euro-Krise jetzt zu Ende?

"Nein, nein, keinesfalls. Was in Griechenland gemacht wurde, war nur ein kurzfristiges Stückwerk. Die politischen Vorgaben garantieren ja fast, dass die Flaute dort anhält. Die Frage wird sein, wie lange die Wähler bereit sind, das in Kauf zu nehmen. Wie lange wird es dauern, bis es zu irgendwelchen Formen von Bürgerunruhen kommt, wie lange wird es dauern, bis rechtsextreme Parteien die Wahlen gewinnen.

Ich glaube, Europa wird sich auf weitere Unruhen einstellen müssen: Unruhen, die die schon bestehenden Schwierigkeiten mit den Migranten, mit dem Referendum in Großbritannien über einen EU-Austritt verschärfen. Wenn ich mir Europa so anschaue, habe ich große Bedenken. Zumal in manchen Ländern gerade Grundrechte verletzt werden, Polen und Ungarn… Europa wurde gegründet mit einem Bekenntnis zu gewissen Menschenrechten und demokratischen Werten, und es scheint, dass manche Länder beginnen, diese beiseite zu räumen."

In diesen Tagen sind Migranten aus Syrien ein großen Thema in Deutschland und Europa. Was denken Sie darüber?

"Das ist eine humanitäre Krise, aber auch eine wirtschaftliche Krise, wenn man derartige Länder denkt, deren Wirtschaft so schwach ist, dass Menschen dort nicht überleben können. Die Schwierigkeit ist, dass die Migranten nur in eines der vielen Länder Europas wollen – nämlich nach Deutschland. Und warum? Sie wollen ein neues Leben beginnen, und um das zu schaffen brauchen sie einen Job, und im Großteil der EU gibt es keine Jobs. Und da sind keine Jobs, weil Deutschland die Sparmaßnahmen in einem Großteil von Europa gefördert hat. Also, die Tatsache, dass der Flüchtlingsdruck vor allem auf Deutschland so groß ist, ist eine Folge der deutschen Politik."

Was ist Ihr Rat an die deutsche Kanzlerin?

"Nun, mein Rat an die deutsche Kanzlerin ist, dass Deutschland einen Impuls braucht. Deutschland braucht höhere Gehälter für die Arbeiter. Dem ärmeren Teil der Bevölkerung geht es nicht besonders gut. Deutschland sollte einen größeren Handlungsspielraum lassen in der Diskussion mit dem Rest der Eurozone: für mehr Expansionspolitik. In diesen Zeiten kommt das Wachstum nicht von außen. Der Export wird sich voraussichtlich nicht besonders gut entwickeln. Also brauchen wir Wachstum aus dem Binnenkonsum und exportgesteuert, und das erreicht man nur, wenn die Regierungsparteien mehr Expansionsdruck zulassen."

Quelle: n-tv.de