Montag, 30. Juli 2007
Teure Milchprodukte: Abzocke oder nicht?
Wer im Supermarkt in den kommenden Tagen Milch, Butter und Quark kauft, wird beim Blick auf den Preis möglicherweise erst einmal schlucken. Die Zeit der rekordverdächtigen Niedrigpreise ist vorbei. Einige Handelsketten erhöhten die Preise bereits rasant. Wie viele nachziehen, ist unklar. Das hat bundesweit eine Welle der Entrüstung ausgelöst. Bundesagrarminister Horst Seehofer (CSU) ist sich mit der Bundestagsopposition diesmal einig: Ein Preisanstieg in dieser Höhe sei völlig ungerechtfertigt.
Der Lebensmitteleinzelhandel warnt vor Panikmache. "Das ist spürbar, das ist aber auch nur das Stück Butter", sagt der Geschäftsführer des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels, Hubertus Pellengahr. "Das hat keine durchschlagende Wirkung auf die Verbraucherpreise." Das Niveau der Preise für Milchprodukte sei in Deutschland im internationalen Vergleich weiter niedrig.
Der Bauernverband verweist auf die weltweit steigende Nachfrage nach Milchprodukten und jahrelang gezahlte niedrige Erzeugerpreise. Seit 2001 bekamen die Milchbauern Jahr für Jahr weniger für ihre Milch. Die Milchproduktion sei für manche Bauern nicht Kosten deckend gewesen. Die Erzeugerpreise, die zwischen Molkereien und großen Discountern festgezurrt werden, sanken von fast 33 Cent pro Liter Milch auf 27 Cent. Die Milchbauern drohten mit Streik und forderten 40 Cent pro Liter - vereinbart wurden im Frühjahr dieses Jahres rund 30 Cent, die nun wirksam werden. "Die Landwirte sitzen deswegen noch lange nicht auf Goldbarren", heißt es beim Bauernverband. Die Milchbauern betonen, dass die Milchpreise bisher auf dem Niveau der 1970er Jahre liegen.
Der Preis für einen Liter Milch im Supermarktregal ging seit 2002 im Durchschnitt von knapp 65 Cent auf fast 55 Cent zurück und stieg in diesem Jahr um bis zu acht Cent. Nun ziehen auch Butter, Quark und Käse an. Der Grund dafür liegt nach Einschätzung von Marktexperten vor allem in der rasant steigenden Nachfrage nach Milch in Asien. "In China steigt der Verbrauch um mehr als fünf Mio.Tonnen pro Jahr", sagt der Abteilungsleiter für Milch bei der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle (ZMP), Erhard Richarts. "Die eigene Erzeugung wächst nicht schnell genug." Hinzu kam Dürre in Australien - kein Futter, kein Vieh, keine Milch.
Der steigende Milchpreis schlägt auch an anderer Stelle zu Buche: Eis und Schokolade werden teurer; neben der Milch seien auch Weizen, Mais, Glukose und Kakao im Preis deutlich gestiegen, klagt die Süßwarenindustrie. Und auch für Backwaren wie Brot und Kuchen müssen die Verbraucher nach Einschätzung der Experten bald mehr hinblättern, auch hier werden steigende Rohstoffpreise als Gründe ins Feld geführt.
Ein weiterer Trend wird nach Ansicht des Bauernverbands immer mehr Einfluss auf die Nahrungsmittelpreise bekommen: der Anbau nachwachsender Rohstoffe. "Wenn der Preis nicht hoch genug ist, muss der Bauer umsteigen", sagt Generalsekretär Helmut Born. Biogas als Alternative wird deshalb zunehmend attraktiver, nicht zuletzt durch die Förderung des Anbaus nachwachsender Rohstoffe. ZMP-Marktexperte Richarts sagt: "Die Bioenergie konkurriert mit der Milchkuh." Wer gewinnt, ist noch offen.
Von Marc-Oliver von Riegen, dpa

