Joachim Hunold
Donnerstag, 17. Juli 2008
Unsichere Zukunft: Air Berlin muss kämpfen
So schnell können Träume platzen. Air-Berlin-Chef Joachim Hunold wollte aus dem Mallorca-Flieger ein weltumspannendes Unternehmen machen. Doch der explodierende Ölpreis durchkreuzte seine ehrgeizigen Pläne. An die Langstreckenrouten hat er schon die Axt angelegt. Doch das reicht nicht: Analysten prophezeien der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft bei steigenden Treibstoffpreisen eine düstere Zukunft. Öl, als Ausgangsprodukt für Kerosin, ist binnen eines Jahres doppelt so teuer geworden.
"Die Überlebenschancen von Air Berlin haben sich in den vergangenen Wochen aufgrund der steigenden Ölpreise weiter reduziert", sagt LBBW-Analyst Per-Ola Hellgren. Das Unternehmen habe auf aggressives Wachstum gesetzt und sei damit ein hohes Risiko eingegangen zu scheitern. "Air Berlin ist keinesfalls über den Berg", sagt BNP Paribas-Analyst Geoff van Klaveren. Firmensprecher Peter Hauptvogel betont, der hohe Ölpreis mache nicht nur Air Berlin zu schaffen, sondern auch vielen Konkurrenten. "Wenn der Ölpreis weiter steigt, wird es für die gesamte Branche kritisch." Die Treibstoffkosten treffen Air Berlin nach Meinung der Experten aber härter. Sie könne höhere Kosten nicht so leicht an die Kunden weitergeben, ohne zu riskieren, dass die Kundschaft abwandere. Die Lufthansa etwa richtet sich traditionell an zahlungskräftigere Fluggäste, die weniger empfindlich auf Preiserhöhungen reagieren.
Die schwache Kapitalausstattung bringt den Air-Berlin-Chef zusätzlich in Zugzwang. Analysten gehen der Nachrichtenagentur Reuters zufolge für das laufende Jahr von einem Nettoverlust von 34 Mio. Euro aus. Hunold selbst stellt ein positives Ergebnis vor Zinsen und Steuern in Aussicht. Für 2009 rechnen die Experten sogar mit einem Nettoverlust von knapp 65 Mio. Euro.
Abspecken gefordert
Hunolds Sparprogramm geht vielen Analysten daher nicht weit genug. "Bei den Streckenkürzungen wird noch mehr kommen als die angekündigten 30 Prozent auf der Langstrecke. Über kurz oder lang werden hier drastische Maßnahmen fällig, falls der Kerosinpreis auf hohem Niveau bleibt, und Air Berlin wird sich von einem Großteil seiner Langstrecke verabschieden", sagt Cheuvreux-Analyst Sebastian Kauffmann. Das Unternehmen müsse radikal schrumpfen, um zu überleben, sagt van Klaveren. "Sie müssen abspecken."
Air Berlin plant zunächst keine weiteren Kürzungen, wie Hauptvogel sagt. Die Fluggesellschaft hatte angekündigt, zum Winter 14 Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge auszumustern, um Sprit zu sparen. Die erst kürzlich aufgenommenen Flüge nach China und die Verbindung von Düsseldorf nach New York werden gestrichen. Wie der Sommerflugplan 2009 aussehen werde, sei nicht absehbar, sagt der Sprecher.
Kursziel Null
Der Aktienkurs ist seit Jahresbeginn von zwölf Euro auf knapp vier Euro abgesackt. Und damit ist der Boden nach Ansicht der Investmentbank Dresdner Kleinwort noch nicht erreicht: Sie senkte ihr Kursziel auf null. Trotzdem legte die Aktie zu. Für Konkurrenten wäre Air Berlin zum Schnäppchen geworden. Trotzdem beißt keiner an. "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass jemand sie kauft. Es ist einfach zu riskant", sagt Analyst van Klaveren. Der hohe Ölpreis spreche dagegen. Fluggesellschaften wie Air France-KLM oder Lufthansa könnten einfach abwarten, bis kleinere Wettbewerber aufgäben.
Martina Noß von der NordLB schließt einen Verkauf dagegen nicht aus. Denkbar sei auch ein "starker Partner", der sich beteiligen könnte. Größter Aktionär ist mit 19 Prozent der US-Milliardär Leonard Blawatnik. Die Deutsche Bank, die über Fonds lange über 15 Prozent hielt, hat ihren Anteil sukzessive auf unter drei Prozent reduziert. Vorerst bleibt nur die Hoffnung auf sinkende Kerosinpreise. Sollte der Ölpreis auf ein Niveau von etwa 80 US-Dollar je Fass sinken, habe das Unternehmen gute Chancen, sagt Hellgren. Es sei zu früh, ein Urteil über die Zukunft der Airline zu fällen, sagt Commerzbank-Analyst Frank Skodzik: "Man sollte sie noch nicht abschreiben."



