Suche
hier klicken, um den Ort für die Startseite festzulegen
Berlin
17
DO 12° / 25°
FR 8° / 22°
Archiv

Mittwoch, 16. Januar 2008

Rechnen und Weichen stellen: Bahnchef zu angriffslustig

Lange gefackelt hat er nicht - nicht einmal bis zur Unterschrift unter die komplizierte Tarifeinigung mit der Lokführergewerkschaft GDL. Bahnchef Hartmut Mehdorn hat sofort nach den langwierigen Verhandlungen hinter den Kulissen wieder offen auf Attacke geschaltet. Unverhohlen kündigte er Preiserhöhungen und einen Stellenabbau als Konsequenz aus den Lohnaufschlägen der Tarifrunde an - und erntete dafür Prügel von allen Seiten. Den schwelenden Streit über den Kurs des bundeseigenen Konzerns hat der oberste Eisenbahner damit neu angeheizt. Kurz vor der möglichen Entscheidung der Politik über Mehdorns großes Ziel eines Börsengangs ist die Stimmung gereizt.

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) ließ jedenfalls keinen Zweifel, was der Bund als Bahn-Eigentümer von seinem leitenden Angestellten erwartet. "Herr Mehdorn ist gehalten, diesen Erfolg nicht kaputtzureden", sagte Tiefensee mit Blick auf den Tarifkompromiss, auf den er den Manager und dessen Rivalen, GDL-Chef Manfred Schell, am Wochenende höchstpersönlich festgelegt hatte. Dass der Konzernchef umgehend mit Einschnitten drohte, sei "eine erste heftige Reaktion, die ich bei Herrn Mehdorn nicht zu hoch bewerten würde", analysierte der Minister. Doch das Image der Bahn dürfe nicht durch den Boss selbst verletzt werden. Jetzt müsse vielmehr "in Ruhe gerechnet" werden und der Tarifabschluss endgültig stehen.

Transnet-Tarife teurer als GDL-Einigung

Dass es für detaillierte Kalkulationen noch zu früh ist, wissen auch die Manager im Berliner Bahntower. Doch schon jetzt ist ihnen klar, dass die Lohnkosten nach den Abschlüssen mit den Gewerkschaften Transnet und GDBA (4,5 Prozent Einkommensplus) sowie der Einigung mit der GDL (11 Prozent) erheblich stärker steigen als in ihren Planungen angenommen. Über fünf Jahre, für die Mehdorns Finanzexperten jeweils vorausschauen, ergeben sich Zusatzbelastungen "in Milliardenhöhe", schätzte der Bahnchef. Dabei schlägt die Anhebung für die Lokführer mit einer hohen zweistelligen Millionensumme pro Jahr sogar in absoluten Zahlen geringer zu Buche als der Abschluss von Transnet und GDBA mit 250 Millionen Euro für die restlichen Bahner.

Der Konzernchef knöpfte sich dennoch die GDL vor, um nach deren erbitterten Tarifkampf mit immer neuen Streiks einige Pflöcke für künftige Auseinandersetzungen einzuschlagen. "Wenn ich Diplomat hätte werden wollen, hätte ich mich woanders gemeldet", wird Mehdorn zitiert. Der Erfolg der GDL sei für das Unternehmen eine Niederlage und keineswegs ein Sieg der Vernunft. "Denn die Methode, dass Minderheiten in einem Unternehmen sich auf Kosten der Gesamtbelegschaft bedienen, wird Schule machen", schwant dem Bahnchef, der sich Erpressungen nicht bieten lassen will. Demgegenüber hätten Transnet und GDBA, mit denen schon im Sommer eine Einigung gelungen war, bewiesen, dass es anders gehe - nämlich die Belange sowohl der Mitarbeiter als auch des Unternehmens zu sehen.

Indirekt gegen Tiefensee

Nur wenig verklausuliert machte Mehdorn auch deutlich, dass er weitgehende Eingriffe des Bundes in das unternehmerische Handeln der Aktiengesellschaft Deutsche Bahn für problematisch hält. Diejenigen, die für sich in Anspruch nähmen, zur Beilegung des Arbeitskampfes beigetragen zu haben, müssten dann auch die Konsequenzen sehen, argumentierte der Manager, ohne den Namen Tiefensees zu nennen.

Auf die Schützenhilfe des Ministers wird die Bahn in den nächsten Wochen indes setzen müssen, wenn nach den Landtagswahlen in Hessen, Niedersachsen und Hamburg eine Entscheidung zum Börsengang wieder auf die Agenda kommt. Schon kurz nach Mehdorns Paukenschlag signalisierte Personalvorstand Margret Suckale denn auch, dass nun erst einmal gerechnet werden müsse, um zu sehen, was zum Auffangen der Mehrbelastungen möglich sei. Und auch die Bundesregierung betonte ungeachtet einzelner Rufe nach einer Absetzung Mehdorns, der Bahnchef solle "seine erfolgreiche Arbeit fortführen".

Von Sascha Meyer und Bernd Röder, dpa

Artikel versenden

Rechnen und Weichen stellen: Bahnchef zu angriffslustig

Empfänger
Ihre Informationen
Persönliche Mitteilung

Die Daten werden nur zum Versenden der Nachricht benutzt und nicht gespeichert.