Sonntag, 05. August 2007
Hoffnung an der Melkmaschine: Bauern hoffen auf faire Preise
Als der Milchpreis im vergangenen Jahr in Niedersachsen auf durchschnittlich fast 25 Cent pro Liter gesunken war, hat Bauer Fred Arkenberg einfach das gemacht, was er jeden Tag tut. Er ist um fünf Uhr morgens aufgestanden und ist mit dem Fahrrad die knapp 400 Meter zu seinen Kühen in den Melkstall gefahren. "Kühe interessiert es nicht, wie es auf dem Markt aussieht. Die wollen gemolken werden - 365 Tage im Jahr." Jetzt steigen die Milchpreise und im Gegensatz zum Verbraucher ist Bauer Arkenberg glücklich darüber. "Ich bin euphorisch", sagt er. Zum ersten Mal seit 15 Jahren habe er wieder Hoffnung.
Der 36 Jahre alte Landwirt lebt von der Milch. Auf den Weiden und in den Ställen im niedersächsischen Städtchen Wunstorf bei Hannover stehen 80 schwarzbunte Holsteiner. Die Rasse ist bekannt für ihre hohe Milchproduktion. Bis zu 60 Liter liefert eine solche Kuh täglich. Dafür legt Arkenberg seinen Holsteinern zwei Mal am Tag ein silbernes Milchgeschirr an den prallen Euter. Jeden zweiten Tag kommt die Molkerei und holt die Milch ab. In guten Zeiten liefert der Milchbauer etwa 62.500 Liter im Monat, 750.000 Liter im Jahr. Das klingt nach viel. "Das ist nicht genug, um bei den heutigen Preisen am Markt zu bestehen", sagt Arkenberg.
Während das Preisniveau in anderen Branchen kontinuierlich gestiegen ist, ist das für Milcherzeugnisse im vergangenen Jahrzehnt eher gesunken. Möglich war dies, weil in Europa seit den siebziger Jahren Milchüberschüsse produziert wurden. So konnten unter anderem Lebensmittelketten wie Aldi und Lidl Druck auf die Molkereien und damit auch auf die Milchbauern ausüben. Noch Anfang des Jahres bekam ein deutscher Milchbauer im Schnitt etwa 27,6 Cent für den Liter Rohmilch so wenig wie seit 20 Jahren nicht.
"Davon kann kein Hof längere Zeit überleben", berichtet Arkenberg. 32 bis 35 Cent seien nötig, um überhaupt die Kosten zu decken. Alles sei teurer geworden. Der Diesel für die Maschinen, das Kraftfutter für die Kühe, die Reparaturkosten. Seit Jahren liefere ihm das Milchgeschäft rote Zahlen. Hätte er nicht vor ein paar Jahren die Getreidelandwirtschaft seiner Schwiegereltern übernommen, Arkenberg weiß nicht, wie lange er seine Kühe noch hätte weitermelken können.
"Die vergangenen Jahre waren wirklich nicht witzig", sagt Ehefrau Ina. Die 34-Jährige hat sich nach der Geburt von Sohn Falk vor etwa zwei Jahren eine Auszeit von ihrer Arbeit in einer Bank genommen. Seitdem packt sie im Hof mit an wie auch Fred Arkenbergs Vater. Obwohl der 67-Jährige seit zwei Jahren in Rente ist, hilft er seinem Sohn immer noch jeden Tag bis zu acht Stunden ohne Bezahlung.
"Ohne meinen Vater und meine Frau, wäre das ganze hier nicht zu leisten", sagt Arkenberg. Deswegen, und durch das Geschäft mit Getreide und Zuckerrüben, hat er den Mut, noch in diesem Jahr in 20 weitere Kühe zu investieren. Arkenberg setzt aufs Milchgeschäft Im Gegensatz zu vielen Kollegen. Nach Angaben des Landesbauernverbandes gibt es in Niedersachsen zur Zeit etwa 14.500 Milchbauern. Vor 35 Jahren waren es noch mehr als 100.000. "Viele hören auf oder satteln um", berichtet Arkenberg.
Wie sein Freund Wolfgang Plenge. Der Milchbauer aus dem 40 Kilometer entfernten Städtchen Steyerberg hat vor kurzer Zeit in eine Biogasanlage investiert. "Weil ich keine Lust mehr hatte, jeden Tag für nichts zu schuften", sagt der 44-Jährige. Seit er die Biogasanlage habe, stehe er im Plus. Denn der Preis für Strom aus regenerativen Energien ist für die Bauern, die ihn liefern, auf zwanzig Jahre festgelegt. Anders als bei der Milch, für die der Literpreis jeden Monat neu von den Molkereien vorgegeben wird.
Seit ein paar Monaten liegt dieser nach Auskunft von Curd Kießler, Marketingleiter der Molkerei "frischli", bei etwa 30 Cent. Im zweiten Halbjahr 2007 werde er sogar auf 35 Cent steigen, ist er überzeugt. Darauf setzt auch Arkenberg: "Unser Produkt erfährt jetzt hoffentlich eine höhere Wertschätzung. Das wäre auch für mich eine unglaubliche Motivation."
Von Silke Katenkamp, dpa



