Mittwoch, 28. Juni 2006
Profit mit Pluto: Börsenastrologie im Trend
Der Blick in die Zukunft hat zur Jahresmitte Hochkonjunktur am Kapitalmarkt. Gerade in unruhigen Börsenzeiten greifen immer mehr Anleger zu exotischen Methoden: Bei der Jagd nach dem Geld setzen sie auf die Sterne. Im Gegensatz zu konventionell arbeitenden Analysten, die sich durch lange Reihen von Finanzkennzahlen wühlen oder Kursverläufe von Aktien bis in die Nachkommastellen untersuchen, reicht den Börsenastrologen - vereinfacht gesagt - der Blick gen Himmel. In den Bewegungen von Merkur, Venus, Mars oder Uranus meinen sie Hinweise auf hohe Renditen und kräftige Gewinne zu erkennen - oder Risiken zu entdecken.
Börsen-Experten raten zur Vorsicht
"Die Astrologie ist ein Analyseansatz wie viele andere, und viele dieser Ansätze sind umstritten", sagt Markus Straub von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Zwar rate er niemandem, sein Geld auf Basis von Horoskopen zu investieren, aber gegen ein Sternbild zusätzlich zu den klassischen Prognosen sei nichts einzuwenden. "Es ist eher eine philosophische Frage. Wenn einer sich dadurch besser fühlt, kann er das ruhig machen, solange er die Rationalität nicht außen vor lässt."
Die meisten Börsenastrologen begegnen Skeptikern mit einem Hinweis auf den wissenschaftlichen Hintergrund ihrer Horoskope. "Man muss immer mehrere Methoden kombinieren", betont etwa der österreichische Wirtschaftsastrologe Manfred Zimmel. "Die Astrologie prognostiziert fast ausschließlich den Faktor Zeit. Für den Preis muss man Fundamentaldaten und charttechnische Methoden zu Rate ziehen." Bei einer Kombination mehrerer Prognosemethoden verspricht Sternengucker und Börsianer Uwe Kraus eine extrem hohe Trefferquote von 80 bis 90 Prozent bei der Auswahl von Investments - und ruft damit Kritiker auf den Plan. "Alles Kaffeesatzleserei", sagt Wolfgang Gerke, Professor für Bank- und Börsenwesen an der Uni Erlangen-Nürnberg. "Selbst wenn ich nur eine Trefferquote von 55 Prozent hätte, hätte ich mich längst zur Ruhe gesetzt."
Auch Fondsmanager vertrauen auf die Sterne
Das Geschäft mit dem Geldsegen vom Himmel läuft gleichwohl prächtig: Kunden für Börsen- und Unternehmenshoroskope sind Zimmel und Kraus zufolge nicht nur private Kleinanleger, sondern auch professionelle Fondsmanager. Der Trend zur Kursvorhersage mit Hilfe der Sterne kommt aus den USA. "Mittlerweile hat sich das Zentrum der Börsenastrologie aber nach Europa verlagert", sagt Zimmel. Erste Fonds, die nach astrologischen Kriterien zusammengestellt werden, und Horoskop-Software zur Finanzanalyse sind bereits auf den Markt.
Für die kommenden Monate sind die Sternendeuter unter den Börsianern eher pessimistisch. "Ich sehe die Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte sehr gefährdet", orakelt Astrologe Uwe Kraus. Grund dafür seien die dann herrschenden Konstellationen von Saturn und Neptun sowie Saturn und Jupiter. Besonders die Märkte in Europa und den USA hätten unter einer Flaute zu leiden, die etwa bis Mitte nächsten Jahres dauern werde, sagt Zimmel voraus. Entwarnung für die Aktienmärkte könne er erst ab Juli 2007 geben.
Den Börsen-Astrologen verraten die Planeten zunehmende Risiken für die Weltwirtschaft. Außerdem werde der Ölpreis in die Höhe schnellen und die Aktienmärkte stünden unter Druck, sagen auch andere Vertreter der Zunft und empfehlen den Kauf von Staatsanleihen und Investitionen in Rohstoffe. Zum gleichen Ergebnis kann der Anleger aber auch ohne die Hilfe der Sterne kommen. Denn Staatsanleihen gelten gemeinhin als krisensicheres Investment, und die Rohstoffpreise steigen seit Jahren.
Von Natalia Matter



