Dienstag, 13. Mai 2008
Ölboom in Aserbaidschan: Chance für deutsche Firmen
Die neue Flughafen-Autobahn der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku ist in Rekordtempo gebaut worden. "Das geht alles rund um die Uhr. Sieben Tage die Woche", sagt ein Mitarbeiter des deutschen Bauunternehmens Papenburg (Hannover), das von Dezember bis Mai den Fahrbahnbelag auf der etwa 20 Kilometer langen Strecke verlegt hat. In Spitzenzeiten waren insgesamt 4000 Mann im Einsatz.
Die Autobahn ist eines von hunderten Modernisierungsprojekten, die die Kaukasus-Republik derzeit mit ihren kräftig sprudelnden Einnahmen aus dem Ölgeschäft finanziert. Deutsche Firmen mit innovativer Technik haben gute Chancen, müssen aber auch Risiken abwägen und mit der "gebotenen kaufmännischen Vorsicht" an Geschäfte herangehen, sagt ein Kenner des Landes.
In diesem Jahr wird Aserbaidschan zum dritten Mal in Folge zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt gehören. 2006, als der Ölexport in die Türkei begann, wuchs die Wirtschaft gemessen am Bruttoinlandsprodukt um 32 Prozent. Im vergangenen Jahr betrug das Wachstum noch etwa ein Viertel, für das laufende Jahr sind etwa 20 Prozent prognostiziert.
"Jahrhundertvertrag" mit BP
In einem "Jahrhundertvertrag" mit einem internationalen Ölkonsortium unter Führung von British Petroleum (BP) hat das Land die Ausbeutung der Ölvorkommen geregelt. Seit 2006 werden westliche Energiemärkte beliefert. Dazu wird das Öl in der Baku-Tiflis-Ceyhan- Pipeline über eine Strecke von mehr als 1700 Kilometern an die türkische Mittelmeerküste gepumpt.
Der Geldsegen wird in dem etwas mehr als acht Millionen Einwohner zählenden Land noch Jahre andauern. Inzwischen hat Aserbaidschan mehr als 3,5 Milliarden US-Dollar im staatlichen Ölfonds zurückgelegt. Die Notenbank verfügt über Währungsreserven in Höhe von sechs Milliarden Dollar.
Aber das Öl wird nicht ewig fließen. Im Jahr 2013 soll die Ölförderung ihren Höhepunkt erreichen, so Prognosen. Zehn Jahre später könnten die Lagerstätten weitgehend erschöpft sein. Erklärtes Ziel der Führung ist es, die Abhängigkeit von den Ölexporten zu verringern. Zunächst floss viel Geld in den Konsum - ohne dass der Wohlstand bei der breiten Masse der Bevölkerung angekommen ist.
Situation wie nach einem Lottogewinn
Die Situation sei wie nach einem Lottogewinn, sagt Florian Schröder, Geschäftsführer des Deutsch-Aserbaidschanischen Wirtschaftsfördervereins. "Zuerst kauft man eine S-Klasse und teure Uhren", sagt er. "In zweiter Linie geht es um die Ausbildung der Kinder und Investitionen in die Infrastruktur. An diesem Punkt ist Aserbaidschan."
Die Hauptstadt Baku verändert unterdessen in rasantem Tempo ihr Gesicht. Internationale Ketten haben Geschäfte eröffnet. Häuser, von denen einige noch aus der Zeit des ersten Ölbooms am Ende des 19. Jahrhunderts stammen, werden renoviert.
Als abschreckend gelten die grassierende Vetternwirtschaft und verbreitete Korruption, die Aserbaidschan einen der letzten Plätze auf der Liste von Transparency International eingebracht haben. Die Rechtssicherheit ist gering, die Zahlungsmoral gilt dagegen als nicht schlecht.
Mehr als 700 große Bau- und Modernisierungsprojekte wurden in Baku gezählt. Inzwischen sind in Aserbaidschan 150 deutsche Firmen aktiv. Trotzdem: "Den deutschen Mittelständler, der hier produziert, den gibt es noch nicht", sagt Schröder vom Wirtschaftsförderverein.
Von Carsten Hoffmann, dpa

