Mittwoch, 12. März 2008
Abschied auf Raten: China verschmäht Billiges
Wenn in Industrieländern wie Deutschland Fertigungsstätten ins billigere Ausland verlegt werden, regt sich Widerstand und Protest. In China ist das oft ganz anders. Steigende Inflation, die stärkere Landeswährung Yuan und ein schärferes Arbeitsrecht lassen dort die Profite im Verarbeitenden Gewerbe schmelzen. Hunderte, wenn nicht gar Tausende Firmen mussten im industriellen Zentrum der Provinz Guangdong dichtmachen. Manche weichen auf billigere Standorte im Inland aus, andere suchen Produktionsstätten in Ländern wie Vietnam, wo die Arbeitskosten noch niedriger sind.
Diese Entwicklung wird vom Staat durchaus positiv gesehen und gefördert. Die Regierung will die Wirtschaft aufwerten und vom Image des Produzenten anspruchsloser Billigartikel befreien. Daher ist auch das Sterben der einfachen Fertigungsstätten durchaus gewollt - und die Provinz Guangdong geht bei der Neudefinition des Verarbeitenden Gewerbes konsequent voran.
Wie andere Länder mit einer schnell wachsenden Industrie hat China gelernt, das es nicht ewig mit der Akkordproduktion einfacher und billiger Waren konkurrenzfähig bleiben kann, wenn gleichzeitig die Kosten für Energie und Rohstoffe weiter drastisch steigen. Die Politik fördert daher eine effizientere Industrie mit höherer Wertschöpfung, um die Wirtschaft berechenbarer und das Wachstum nachhaltiger zu machen.
"Die Fabriken, die zumachen müssen, sind Opfer einer kreativen Zerstörung", sagt Edith Terry, die im Februar einen Bericht über die Veränderungen der Industrielandschaft im Delta des Perlflusses veröffentlicht hat. Nach Schätzungen der Wirtschaft machen 15.000 Firmen in dem industriellen Herzland der Provinz Guangdong dicht, wenngleich die offiziellen Zahlen des Handelsbüros bei unter 300 liegen. Die meisten von ihnen seien kleine und mittlere Fertigungsstätten, in denen arbeitsintensiv Spielzeug, Bekleidung, Schuhe sowie Metall und Plastikteile hergestellt worden seien.
Regierung macht Druck
Die Regierung in Peking erwartet, dass sich die industriellen Zentren des Landes aus eigener Kraft aus den Tiefen der Einfach- und Billigproduktion heraufarbeiten. Die Provinzregierung von Guangdong hat daher die Mindestlöhne drastisch heraufgesetzt und will sie Anfang April um weitere 13 Prozent anheben. Dies solle das Niveau der Wirtschaft anheben, die unter einer übermäßigen Konzentration auf Billigjobs leide, hieß es. Zugleich will die Provinzregierung den Standort für starke Umweltverschmutzer und Energiefresser unattraktiv machen.
Zugleich werden "bessere Firmen" mit Anreizen wie Steuernachlässen angelockt. So gelangt es Guangzhou, die großen japanischen Autohersteller auf sich aufmerksam zu machen. Mittlerweile ist die Stadt ein Zentrum der Automobilindustrie.
Hohes Risiko
Sich dieser Entwicklung entgegenzustellen, birgt zahlreiche Risiken. "Wenn sie an der bisherigen Wirtschaftsstruktur festhalten, werden Energie und Ressourcen knapp und eine soziale Rebellion könnte drohen", sagt Terry. "Guangdong steht kurz davor." Aber auch ein zu schnelles Umsteuern bringt Gefahren mit sich. "Wenn das Perlfluss-Delta morgen gezwungen wird, die gesamte traditionelle und einfache Fertigung aufzugeben und nur noch auf Hochtechnologie zu setzen, würde dies zu einem gigantischen Zusammenbruch der Wirtschaft führen", warnt Michael Enright von der Universität Hongkong.
Doch noch ist Guangdongs Wirtschaft stark. Im vergangenen Jahr lag das Wachstum ihres Bruttosozialprodukts bei 14,5 Prozent. Sie erbringt ein Achtel der gesamten chinesischen Wirtschaftsleistung. Mit diesem Potenzial kann sie nach Ansicht der Experten die nötige Umstrukturierung durchaus schaffen. "Guangdongs Nachruf ist schon oft geschrieben worden", sagte Arthur Kroeber vom Analyse-Institut Dragonomics. "Sie haben sich bisher an viele Veränderungen angepasst und werden das auch in Zukunft schaffen", äußert er sich optimistisch.
Von John Ruwitch, Reuters

