Montag, 07. Oktober 2002
Hunderte Stellen in Gefahr: Commerzbank baut weiter ab
Bei der Commerzbank regiert weiter der Rotstift. Neben den bereits angekündigten 4300 Stellen, die bis Ende 2003 entfallen sollen, plant das Kreditinstitut einem Bericht der "Financial Times" zufolge, hunderte weiterer Stellen abzubauen. "Die gesamte Zentrale in Frankfurt, der Bereich Investmentbanking und zahlreiche Auslandseinheiten stehen auf dem Prüfstand", sagte eine Sprecherin gegenüber n-tv.de. Genaue Zahlen wollte sie nicht nennen. Der Umstrukturierungsprozess im Filialgeschäft sei hingegen abgeschlossen.
Schon vor einer Woche hatte Commerzbank-Vorstandssprecher Klaus-Peter Müller eine Verschärfung der Sparmaßnahmen angekündigt, um die Kosten im kommenden Jahr um weitere zehn Prozent auf unter fünf Mrd. Euro zu reduzieren. Im laufenden Jahr will die Bank ihre Kosten auf 5,5 Mrd. Euro nach 5,85 Mrd. Euro im Jahr 2001 senken. Im ersten Halbjahr 2002 lagen die Verwaltungsaufwendungen der Bank bei 2,7 Mrd. Euro.
Analysten: Ende der Fahnenstange nicht erreicht
Derweil stemmen sich die Dienstleistungsgesellschaft ver.di und die Betriebsräte der Commerzbank vehement gegen die Pläne des Vorstands. "Zusätzliche Einsparungen bei den Personalkosten sind kontraproduktiv", sagte Uwe Foullong. Der ver.di-Vertreter und Commerzbank-Aufsichtsrat vertritt die Meinung, Kürzungen bei den Sachkosten seien sinnvoller. Weitere Stellenkürzungen gefährdeten die Bank in ihrem Bestand.
Analysten sehen allerdings noch längst kein Ende des Streichkonzerts. "Wir erwarten, dass die Bank die Zahl ihrer Mitarbeiter um weitere 4000 bis 5000 reduzieren wird", schrieb jüngst Konrad Becker, Analyst bei Merck Finck & Co. Er rechnet damit, dass am Ende des Restrukturierungsprozesses rund 25 Prozent der weltweit 40.000 Angestellten ihren Job verloren haben werden. Zudem stuften die Privatbankiers die Commerzbank-Papiere vor einer Woche von "Marketperformer" auf "Underperformer" herab. Sie vermuteten, aus einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters mit Commerzbank-Chef Müller eine versteckte Gewinnwarnung gehört zu haben. Müller sagte, eine "seriöse Ergebnisprognose" sei wegen der Unsicherheit an den Finanzmärkten und der volatilen Ertragsentwicklung nicht möglich.
Rechtliche Schritte gegen Merril Lynch?
Wie massiv verunsichert die Märkte zurzeit reagieren, bekam die Commerzbank erst am Wochenende zu spüren. Als die US-Investmentbank Merril Lynch die Ratingagentur Standard & Poor's per Email um eine Stellungnahme hinsichtlich der Kreditwürdigkeit der Frankfurter Großbank bat, geriet der interne Schriftwechsel an die Öffentlichkeit. In der E-Mail werfen die Investment-Banker der Commerzbank vor, im Geschäft mit Kreditderivaten hohe Verluste erzielt zu haben. Die "Financial Times" druckte die siebenzeilige Email in ihrer Wochenendausgabe ab.
"Wir prüfen, ob wir gegen Merril Lynch rechtliche Schritte einleiten", sagte ein Commerzbank-Sprecher am Montag. Merril habe wissentlich falsche Zahlen benutzt, was sehr ärgerlich sei, begründete der Sprecher das juristische Vorgehen seines Insitutes. Das am Freitag aufgekommene Gerücht war in Marktkreisen noch am selben Tag von der Commerzbank dementiert worden, fügte der Sprecher hinzu und ließ offen, ob die Bank auch gegen die Zeitung vorgehen wird. Merril Lynch versucht derweil, die Wogen wieder zu glätten und sprach am Sonntag von einer Überreaktion in einem von Gerüchten brodelnden Markt.
Müller: "Keine Liquiditäsengpässe"
Dabei hatte Müller bereits vergangene Woche angebliche Probleme entschieden dementiert. Am Rande des Weltbankentreffens in Washington sagte er, die Bank leide derzeit weder unter Liquiditätsengpässen noch habe man Probleme im Kreditgeschäft. "Die Commerzbank erfreut sich einer unverändert soliden Liquidität", beruhigte er. Auch der für das Investmentbanking zuständige Vorstand Mehmet Dalman bekäftige, das Geschäft mit den Kreditderivaten sei profitabel und man sehe keinen Anlass, neues Kapital an den Märkten aufzunehmen. "Ich sehe keinen Grund, warum wir pleite gehen sollten", sagte er.
Die Veröffentlichung der E-Mail wirkte sich nach Einschätzung von Händlern nicht nur auf die Titel der Commerzbank, sondern auf alle Bankenwerte aus. "Das zerstört das Vertrauen in der gesamten Branche", sagte ein Händler. Ob die Indiskretion gezielt oder berechtigt war, spiele keine Rolle mehr. Böswillige Gerüchte ließen sich im derzeitigen Klima leicht verbreiten, fügte ein anderer Händler hinzu. Denn in der Branche geht die Angst vor einer lang anhaltenden Krise um. Erst Ende September hatte sich Merril Lynch in einer Studie "so besorgt wie nie" über die deutschen Banken geäußert. Dabei gilt die Commerzbank als das schwächste Glied in der Kette.
Weil das Kreditinstitut wegen den zu erwartenden Belastungen aus der jüngsten Flutkatastrophe ihre Risikovorsorge für das Jahr 2002 von 1,1 Mrd. Euro auf 1,3 Mrd. Euro erhöht hat, musste sie gleichtzeitig von ihren Plänen Abschied nehmen, einen operativen Gewinn von 700 bis 800 Mio. Euro zu erwirtschaften. Herauskommen soll nun eine "schwarze Null". Dank einer effizienten Risikostreuung habe man die Probleme im Griff, sagte Müller. "Deshalb sollte die Existenz der Bank nicht hinterfragt werden."

