Freitag, 07. Dezember 2007
Preisvorteil pass: Diesel überholt Benzin
Die Turbulenzen auf dem deutschen Benzinmarkt lassen viele Besitzer von Diesel-Autos an ihrer Kaufentscheidung zweifeln. Regionale Preiskämpfe haben an etlichen Tankstellen den Preisvorteil von Dieselkraftstoff gegenüber Normal- und Superbenzin auf Null schrumpfen lassen, so zum Beispiel in Chemnitz, Güstrow, Weimar, Dortmund, Hamburg und Köln. Diesel-Fahrzeuge sind teurer in der Anschaffung und bei den laufenden Kfz-Steuern. Bei der aktuellen Marktlage - bundesweit ist Benzin im Durchschnitt noch rund fünf Cent je Liter teurer als Diesel - ist erst bei einer sehr hohen Kilometerleistung pro Jahr mit einem Diesel etwas zu sparen.
Experten warnen davor, jetzt in Panik zu verfallen. "Die gegenwärtige Situation an den Tankstellen ist lediglich eine Momentaufnahme", sagt Andreas Hölzel vom Automobilclub ADAC in München. "Die Situation wird sich auch wieder anders darstellen." Ähnlich wie der Autofahrer-Verein sieht es die Lobby der großen Mineralölkonzerne in Deutschland, der Mineralölwirtschaftsverband (MWV). "Die Schere wird sich wieder auseinander bewegen", sagt Sprecherin Barbara Meyer-Bukow. Im Winter verringere sich regelmäßig der Preisabstand von Benzin zu Diesel, im Sommer werde er wieder größer. Im Jahresdurchschnitt, so der MWV, entspreche der Preisvorteil von Diesel ungefähr dem Steuervorteil von rund 20 Cent je Liter.
Trend zum Diesel
Der Siegeszug der Diesel-Pkw, der in den 80er Jahren einsetzte, dürfte somit weitergehen. Nutzten früher höchstens Landwirte und Handwerker nagelnde Diesel-Pkw zum Transport sperriger Ausrüstung, so sind Diesel-Aggregate längst eine gleichwertige Alternative zu Benzinmotoren geworden. Im Oktober dieses Jahres registrierte das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in Flensburg bei den Pkw-Neuzulassungen mehr dieselgetriebene Autos als Fahrzeuge mit Otto-Motoren.
Dieser langfristige Trend zum Selbstzünder wirkt sich auf den Absatz von Kraftstoffen aus. So wurden bundesweit bis zum Jahr 1987 weniger als 20 Millionen Tonnen Diesel in Deutschland verkauft; in diesem Jahr werden es knapp 30 Millionen Tonnen sein. Genau umgekehrt verlief die Entwicklung bei den Otto-Kraftstoffen; ihr jährlicher Absatz reduzierte sich seit 1990 von mehr als 31 auf rund 22 Millionen Tonnen. "Die Raffinerien in Deutschland haben sich diesen Veränderungen angepasst", sagt Meyer-Bukow. Sie produzieren mehr Diesel als verbraucht wird; unter dem Strich ist Deutschland Netto-Exporteur von Dieselkraftstoff.
Diesel-Nachfrage wächst
Anders ist die Situation auf dem europäischen und dem Weltmarkt. "Die Nachfrage nach Diesel und Heizöl, den Mitteldestillaten, ist in Europa höher als die Produktion", sagt Chefredakteur Rainer Wiek vom Energie-Informationsdienst EID in Hamburg. Die Raffinerien richten sich auf die Nachfrage ein, so gut sie können. Aber technisch lässt sich Rohöl nur zu 40 bis 45 Prozent zu Heizöl und Diesel verarbeiten, mehr geht nicht. Der Ausweg sind westeuropäische Einfuhren von Diesel, vor allem aus Russland. Doch auch in Osteuropa wächst die Nachfrage nach Diesel, so dass nicht absehbar ist, ob die Versorgung langfristig gesichert ist.
Auf der anderen Seite erzeugen die europäischen Raffinerien zu große Mengen Benzin für den schrumpfenden Markt. Diese Überschüsse werden überwiegend vom US-Markt aufgenommen, wo es kaum Diesel-Autos gibt, aber zu wenig Benzin. Das führt regelmäßig vor allem im Frühjahr und Sommer zu steigenden Benzinpreisen in Europa. Den gegenwärtigen Preiskampf bei Benzin können die Ölkonzerne ohnehin nicht unbegrenzt fortsetzen: Verkaufen sie das Benzin unter ihrem Einkaufspreis, gibt es großen Ärger mit dem Kartellamt. Denn das ist zum Schutz des Mittelstandes verboten.
Von Eckart Gienke, dpa



