Dienstag, 25. Oktober 2005
Und wieder lockt die Börse: "Entry Standard" startet
Das neue Börsensegment "Entry Standard" könnte das Geschäft der Banken mit Börsengängen kleiner und mittelgroßer Unternehmen deutlich beleben. Vorbild ist das Erfolgsmodell des Alternative Investment Market (AIM) in London.
"Der Entry Standard bietet sowohl für Wachstumsfirmen wie auch für solide deutsche Mittelständler eine Möglichkeit, Kapital aufzunehmen", sagt Rene Parmantier, der beim Broker Close Brothers Seydler für das Kapitalmarktgeschäft zuständig ist. Rund zweieinhalb Jahre nach dem Ende des wegen zahlreicher Skandale bei Anlegern in Ungnade gefallenen Neuen Marktes hätten Unternehmen, die erst am Anfang stehen und Geld für den weiteren Ausbau ihres Geschäfts benötigten, endlich wieder eine eigene Plattform.
Nach Einschätzung von Equinet-Chef Lutz Weiler, der an der Konzeption des Entry Standard beteiligt war, dürfte das Segment dank niedriger Zulassungshürden und Kosten zahlreiche Firmen an den Aktienmarkt locken. "Es ist wie ein Stopfen, der aus der Flasche gezogen wird", sagte Weiler. "Bei gleich bleibenden Marktverhältnissen sollte die Zahl der Börsengänge deutlich zunehmen." Junge Firmen könnten das Segment bereits in einem früheren Stadium ihrer Entwicklung nutzen als bei einem Gang an den General oder Prime Standard. "Eine Notierung am Entry Standard macht ab einem Emissionsvolumen von fünf Mio. Euro Sinn", sagte Weiler. Später könnten solche Firmen in ein anderes Segment wechseln.
Als erstes Unternehmen visierte der Baudienstleister Design Bau eine Notierung in dem neuen Börsensegment an. Das bereits vorher an der Börse gelistete Kölner Softwarehaus Tecon will ebenfalls Mitglied des Segments werden. Rainer Riess von der Deutschen Börse hält bis Jahresende 20 Notierungen im Entry Standard für möglich.
Die Deutsche Börse AG baut mit ihrer neuen Börsenplattform auf dem wenig regulierten Freiverkehr auf. Einzige Aufnahmekriterien sind die Vorlage eines testierten Jahresabschlusses nach dem deutschen Bilanzstandard HGB sowie die Veröffentlichung von Halbjahresberichten. Zudem müssen die Firmen kursbeeinflussende Nachrichten auf ihrer Internetseite veröffentlichen. Dort müssen auch ein Firmenporträt und ein Unternehmenskalender stehen.
Mit dem Entry Standard reagiert die Deutsche Börse auf den erfolgreichen Alternative Investment Market in London. Ob der Entry Standard dem AIM ernsthaft Konkurrenz machen kann, muss sich nach Einschätzung von Marktanalyst Giuseppe Amato von Lang & Schwarz aber erst noch zeigen. "London ist bereits etabliert in diesem Bereich", sagte Amato. Und dort sitzen auch die entsprechenden Investoren. Auch die Mehrländerbörse Euronext bietet seit Frühjahr mit "Alternext" ein ähnliches Börsensegment an.
Auch Fondsmanager Karl Fickel von Lupus Alpha hält den Entry Standard eigentlich für eine gute Idee. "Allerdings könnten die sehr geringen Transparenzanforderungen Befürchtungen wecken, es könne zu Unregelmäßigkeiten oder Spielereien kommen wie damals am Neuen Markt", sagte er. "Ich weiß als Investor nicht, ob ein Unternehmen Ad-hoc-Mitteilungen veröffentlicht oder was zwischen den Halbjahresberichten passiert." Er empfiehlt den Unternehmen, ein Listing in dem Segment nur als ersten Schritt anzusehen und anschließend in ein stärker reguliertes Segment zu wechseln.
Fondsmanager Markus Steinbeis von Activest sieht bei Firmen im Entry Standard höhere Risiken als bei einem Unternehmen aus dem Deutschen Aktienindex Dax. Ihr Geschäftsmodell sei oft nur auf ein Produkt ausgerichtet. "Das muss dem Anleger bewusst sein." Wo höhere Risiken lauern, böten sich aber auch größere Chancen. "Als Beimischung ist der ein oder andere Wert auch für Fondsgesellschaften interessant", sagte er.
Von Ralf Banser und Ulf Laessing, Reuters

