Auch die Politik hat das Problem erkannt.
Freitag, 14. September 2007
Arbeitskräftemangel wächst: Erfolgsfaktor Familie
Bis vor kurzem noch stapelten sich in den Personalabteilungen deutscher Unternehmen die Bewerbungsmappen. Aus einem Heer arbeitssuchender Akademiker und Fachkräfte konnten sie sich die besten Kandidaten herauspicken. Doch inzwischen hat sich das Blatt gewendet - zugunsten der Arbeitnehmer.
Parallel zur anhaltend guten Konjunktur und der fortschreitenden Alterung der Gesellschaft macht sich ein Mangel an Firmennachwuchs bemerkbar. Während vor einem Jahr 40 Prozent der Unternehmen mit Problemen bei der Rekrutierung von Fachkräften rechneten, stellen sich heute bereits 61 Prozent darauf ein. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Allensbach-Instituts.
24.000 offene Ingenieurstellen
"Wir gehen davon aus, dass beispielsweise im Bereich der Industrie mittlerweile jedes zweite Unternehmen in Deutschland Probleme bei der Besetzung von Stellen hat", sagt der Arbeitsmarkt-Experte des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Oliver Heikaus. Zurzeit gibt es nach Angaben des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) in ganz Deutschland 24.000 offene Ingenieurstellen.
Aber nicht nur in der Industrie hapert es an qualifiziertem Nachwuchs: "Es wird insgesamt schwieriger auf dem Markt. Es mangelt nicht nur an Ingenieuren sondern auch an Natur- und Betriebswissenschaftlern, Vermögensberatern und Ärzten", sagt der Sprecher der internationalen Personalberatungsfirma Kienbaum, Erik Bethkenhagen.
Bei der Suche nach passendem Nachwuchs gehen viele Unternehmen daher inzwischen neue Wege: Dazu gehören zum Beispiel engere Zusammenarbeit mit Universitäten und Schulen oder eine besonders familienfreundliche Personalpolitik.
Anreize für arbeitswillige Eltern
"Früher haben wir hauptsächlich auf Bewerbermessen und durch Diplomandenbetreuung und unser Trainee-Programm auf uns aufmerksam gemacht", sagt der Personalleiter der Läpple AG in Heilbronn, Jörg Anzer. "Mittlerweile machen wir sogar Aushänge mit Stellenausschreibungen an den Hochschulen und wenden uns direkt an die Professoren der Universitäten." Dieses Jahr habe Läpple so bereits knapp 50 neue Stellen mit Betriebswirten, Ingenieuren und Technikern besetzt.
Angesichts eines zunehmenden Mangels an fachlich qualifiziertem Nachwuchs gewinnt für viele Unternehmen vor allem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf an Bedeutung - und wird zu einem der wichtigsten Anreize für neue Mitarbeiter. "Ohne die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu berücksichtigen, geht es heute nicht mehr", sagt der Geschäftsführer der Verpackungsfirma Emkon, Andreas Dittrich.
Kindergärten und Heimarbeit
Um gut ausgebildete Mitarbeiter zu gewinnen, müssen es dabei durchaus nicht immer betriebseigene Kindergärten sein. Emkon etwa lockt - neben den Kooperationen mit Schulen und Hochschulen - mit flexiblen Arbeitszeiten. "Wenn ein Elektroingenieur beispielsweise ein Maschinenprogramm entwickeln will, kann er das auch von zu Hause aus tun", berichtet Projektassistentin Stephanie Schuberth.
Die Firma aus dem niedersächsischen Kirchlinteln hat sich - wie bereits über 1000 andere Unternehmen - dem bundesweiten Unternehmensnetzwerk "Erfolgsfaktor Familie" angeschlossen. Es wurde im vergangenen Herbst in einer gemeinsamen Initiative des Bundesfamilienministeriums und des DIHK ins Leben gerufen. "Die Idee ist eine zentrale Plattform für Unternehmen, die sich für eine familienbewusste Unternehmensführung engagieren", berichtet Projektleiterin Sofie Geisel.
Topleute schwer zu kriegen
Das Problem trifft nicht nur Mittelständler sonder inzwischen auch international aufgestellte Großunternehmen. Bei den einen gehen die Bewerberzahlen zurück, die anderen spüren die Konkurrenz besonders im Feld der Topkandidaten. So sagt die Leiterin des Personalwesens von Ernst & Young, Karen Hochrein: "Zwar haben wir zur Zeit immer noch wachsende Bewerberzahlen, aber der Kampf um wirklich Gute wird immer schwerer."
Wie auch andere große Unternehmen betreibt Ernst & Young daher mittlerweile mehr Aufwand bei der Personalsuche: Dazu zählen unter anderem Recruiting-Events, Fachvorträge, klassische Bewerbermessen, Wettbewerbe an Hochschulen und eine spezielle Summer School nach amerikanischem Vorbild. "Der Wettbewerb wird immer härter, weil auch die anderen Unternehmen zunehmend einstellen", sagt Hochrein.
Von Nicola Korte, dpa

