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Blanker Busen: Erotik-Bustouren durch Berlin

Ingo heiratet am Freitag seine Jutta, außerdem wird er bald Vater. Doch das ist jetzt, an diesem eisigen Winterabend in Berlin, weit weg. Denn der 38-Jährige sitzt bierselig in einem Doppeldeckerbus und hat den blanken, solariumsgebräunten Busen einer blonden Tänzerin direkt vor der Nase. Rings um ihn herum johlen seine Kumpels, sie trinken Flaschenbier und Wodka Lemon, aus den Boxen dröhnt Discomusik. Zu Ingos Junggesellenabschied hat die Männertruppe eine "erotische" Stadtrundfahrt durch Berlin gebucht.

Beschlagene Scheiben

Für Alexanderplatz und Brandenburger Tor interessieren sich die gut 30 Herren im Bus angesichts der vier Oben-ohne-Tänzerinnen mit G-String, Lederstiefeln und Brustwarzenpiercing nur wenig. An der Disco "Malibu" in Marzahn geht's los, der Doppeldecker, innen mit Fähnchen und Lametta dekoriert, rumpelt vorbei an Plattenbauten und Gewerbegebieten. Nach fünf Minuten sind die Scheiben beschlagen.

Michle und Angelina verkaufen Getränke, halbnackt. Ohne mit der Wimper zu zucken bahnen sie sich an stierenden Männeraugen vorbei. "Das macht Spaß, sonst würde ich es ja nicht machen", sagt Michle und schaut, als sei die Frage nach ihrer Arbeit völlig abwegig. Wie viel Geld sie für die Oben-ohne-Nummer bekommt, mag die 18-Jährige nicht verraten. Es sei jedenfalls weniger als früher - "mehr sagt man nicht". Auch ihre Kollegin Angelina ist ein Profi: Ihr lasziver Tanz bringt die Männer völlig aus dem Häuschen.

Staatsoper oder Deutsche Oper? Egal!

Niemanden stört es, dass bei der Tour die Dame am Mikrofon die Staatsoper mit der Deutschen Oper verwechselt, als der Bus Unter den Linden entlang rollt. "Hat jemand leere Flaschen?", fragt eine Tänzerin in die Runde. "Nimm ihn mit", grölt einer und deutet auf seinen Kumpel. Später ertönt im Chor: "Zieh Dich aus, kleine Maus..." Das Ganze ist nichts für zarte Gemüter: In Sichtweite des Reichstags wird eine Freiluft-Pinkelpause eingelegt, bei der sich die Männer ans Gebüsch reihen. Am Gendarmenmarkt hält der Doppeldecker, die Gäste steigen aus, um zu sehen, wie eine Tänzerin in der Bustür strippt. Auch an der Siegessäule gibt es blanken Busen und Gejohle.

19,90 Euro für drei Stunden

Die Männer amüsieren sich. Das Publikum ist bunt gemischt, vom Friedhofsgärtner bis zum Schlosser. Aufpasser achten darauf, dass die Männer nicht zu handgreiflich werden. Auch ein paar angezogene Frauen sind mit dabei, die brauchen aber angesichts hartnäckiger Flirtversuche ("Du hast noch ein bisschen viel an!") Nerven wie Drahtseile. Manche der Männer sind für die dreistündige Tour, die 19,90 Euro kostet, extra aus Würzburg und Walsrode angereist. Auch aus New York, Paris und Rom hat es schon Anfragen gegeben, wie "Malibu"-Inhaber Richard Heidenreich erzählt. Eigentlich sollte es die Erotik-Tour nur einmal geben. "Die Gäste zwingen uns, das immer wieder zu machen", sagt Heidenreich und grinst.

Berlin mit Reeperbahn-Touch

Sex verkauft sich bekanntlich gut: Die obskure Oben-ohne-Tour hat es bis ins amerikanische Fernsehen geschafft, auch wenn die Idee nicht ganz neu sein mag und es in Berlin viele Etablissements mit Reeperbahn-Touch sowie unzählige andere bunte Angebote für Besucher gibt. Die Berlin Tourismus Marketing GmbH sieht es gelassen. "Stadtrundfahrten mit ungewöhnlichen Schwerpunkten sind im Kommen", heißt es. So gibt es Touren zu den Bunkern der Stadt, Rundgänge durch die Hausbesetzerszene oder eine Pleiten-Tour, die überteuerte Regierungsbauten vorführt.

An dem Partybus, der mit halbnackten Mädchen durch die Stadt kurvt, stört sich augenscheinlich niemand. Ein paar Passanten recken neugierig ihre Köpfe. Durch die beschlagenen Scheiben hindurch können sie vielleicht auch den feiernden Ingo erspähen. Er trägt ein Sweatshirt, auf dem sich seine Kumpels verewigt haben, hinten drauf steht handgemalt: "Noch bin ich für alle Frauen da - bald nur noch für meine Jutta."

Von Caroline Bock, dpa

Quelle: n-tv.de