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Montag, 26. Juni 2006

Keine Liebesheirat: (Fast) Alle sind glücklich

Grund zum Feiern sehen - fast - alle: Nach dem Jawort für Mittal Steel ließ Arcelor-Verwaltungsratsvorsitzender Joseph Kinsch auf der Dachterrasse des schlossartigen Firmensitzes Champagner und Häppchen servieren. Und der indische Stahlmilliardär Lakshmi Mittal jubelte: "Dies ist einer der großartigsten Tage in der Geschichte von Mittal Steel und ein bahnbrechendes Ereignis in der Stahlindustrie."

In der Tat ein historisches Datum: Nach fast fünf Monaten erbitterten Streits und böser Worte haben sich die beiden weltgrößten Stahlriesen Mittal Steel und Arcelor geeinigt und ihre Hochzeit angekündigt. Nur der nicht zum Zug gekommene Chef des russischen SeverStal-Konzerns, Alexej Mordaschow, war unzufrieden. Aus der Fusion geht der mit Abstand größte globale Stahlproduzent hervor, dessen Name in der Geburtsstunde von den beiden "gleichen Partnern" noch unterschiedlich geschrieben wird: Bei Mittal heißt er "Arcelor Mittal" und bei Arcelor "Arcelor-Mittal".

Dieser neue Stahlriese wird nach eigenen Angaben mit einer Jahreskapazität von 120 Mio. Tonnen Stahl und einem Umsatz von 57 Mrd. Euro einen Weltmarktanteil von zehn Prozent halten - und 330.000 Menschen rund um den Globus beschäftigen.

Der jetzt gefeierte neue Bund war alles andere als eine Liebesheirat. Seit Ende Januar hatte sich die luxemburgische Arcelor mit allen Tricks und Finessen gegen den Branchenprimus Mittal zu wehren versucht. Die Aktionäre wurden mit einer satten Dividendenerhöhung umgarnt und ein Aktienrückkaufprogramm angekündigt, bei dem 6,5 Mrd. Euro an die Aktionäre zurückfließen sollten. Als letzte Trumpfkarte im Übernahmepoker hatte Arcelor Ende Mai den russischen "weißen Ritter" SeverStal gezückt. Eine Fusion mit dem von SeverStal-Eigentümer Mordaschow kontrollierten Unternehmen sollte die feindliche Übernahme durch den indischen Stahlmilliardär Lakshmi Mittal verhindern.

Doch am Ende des spannenden Wirtschaftskrimis, der monatelang die Branche gefesselt hat, ist aus dem "Kölnisch Wasser" und dem "Parfüm" - wie Arcelor-Chef Guy Doll zu Beginn des Stahlkriegs über das angebliche Qualitätsgefälle gelästert hatte - eins geworden. Das liegt sicher auch an dem langen Atem, den Mittal gezeigt hat. Trotz mancher Schlappen hat er nie aufgegeben und immer wieder "die industrielle Logik" und die Komplementarität der beiden Unternehmen aufgezeigt. Während Arcelor die unangefochtene Nummer eins in Europa ist, ist Mittal in Nordamerika und nach dem Kauf vieler Stahlkocher in ehemaligen sozialistischen Ländern in Osteuropa Marktführer.

Immer wieder hat die Arcelor-Spitze geklagt, dass Mittals Angebot das "ureuropäische Unternehmen", das 2001 aus Aceralia (Spanien), Arbed (Luxemburg) und Usinor (Frankreich) geschmiedet worden war, finanziell unterbewerte. So hatte der drittreichste Mann der Welt Mitte Mai einen Tag nach der Veröffentlichung seines Angebots dieses bereits um 34 Prozent auf 25,8 Mrd. Euro erhöhen müssen. Zwischenzeitlich war der Wert der Aktien aber wieder gesunken. Nun, in der Endrunde der Schlacht, legte er noch mal zehn Prozent drauf.

Aber auch weitere Zugeständnisse hat Mittal machen müssen, um den neuen Stahlbund zum Leben zu erwecken. Er sicherte zu, dass Luxemburg der Hauptsitz des neuen Konzerns sein wird und auch, dass er "die Firmengrundsätze von Arcelor in der neuen Firma verwirklichen" werde. Zudem ist er damit einverstanden, dass die bisherigen Arcelor- Aktionäre 50,5 Prozent am neuen Konzern halten werden. Und, wie Kinsch mit gewissen Stolz nach der neunstündigen Verwaltungsratssitzung am Sonntagabend im Großherzogtum sagte: Mittal habe akzeptiert, dass der Wert wichtiger als das Volumen sei. Und damit wohl auch "Parfüm" werden kann.

Keinen Grund zum Feiern hat dagegen Mordaschow, für den die Fusion mit der Billigung von Wladimir Putin zu einer internationalen Prestige-Frage geworden ist. Er hatte noch kurz zuvor versucht, mit einem ebenfalls verbesserten Angebot bei Arcelor weiter für die russisch-luxemburgische Hochzeit zu werben. Ohne Erfolg. Es waren auch in den vergangenen Wochen zu viele Stimmen von Arcelor- Aktionären laut geworden, die sich gegen einen Zusammenschluss mit SeverStal ausgesprochen haben. Kinsch tröstete Mordaschow damit, dass "Arcelor-Mittal" künftig "privilegierte Beziehungen" zu SeverStal suchen werde.

Von Birgit Reichert, dpa

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