Freitag, 10. Oktober 2008
Gewinnwarnungen drohen: Finanzkrise erfasst Industrie
Die weltweite Finanzkrise treibt nicht nur Bankern Sorgenfalten in die Stirn. Mit einer merklichen Wirtschaftsabkühlung und teureren Krediten dürften nach Ansicht von Experten zunehmend auch andere Branchen in den Abwärtssog geraten. Vor allem für Hersteller von Konsumgütern, den Handel, die Auto- und die Bauindustrie trübten sich die Aussichten ein. Damit scheinen Gewinnwarnungen bereits für das laufende Jahr programmiert. "Die Finanzkrise hat bereits Spuren hinterlassen. Im letzten Quartal hat sich die Lage verschärf, besonders im September", sagte Achim Matzke von der Commerzbank.
SAP und Daimler hätten die Anleger schon auf härtere Zeiten eingestimmt. "Der Markt riecht, dass das bei anderen Unternehmen ähnlich sein wird", sagte Matzke. Markus Reinwand von Helaba Trust erwartet, dass viele Unternehmen ihre Gewinnerwartungen zurückschrauben werden. "Die Unsicherheit ist derzeit in allen Gebieten einfach zu groß."
Die deutsche Autoindustrie bekommt die geringere Nachfrage bereits zu spüren. Viele Autokäufer schrecken vor einer großen Anschaffung zurück, wenn ein Wirtschaftsabschwung droht. Wegen rückläufiger oder zumindest stagnierender Verkaufszahlen haben Daimler, BMW oder Opel ihre Produktion gedrosselt. Das zieht auch die erfolgsverwöhnte Chemiebranche in Mitleidenschaft. Sie stellt sich auf eine geringere Nachfrage ein. Die Impulse aus der Bau- und Autoindustrie seien schwächer geworden, sagte ein Sprecher des weltgrößten Chemiekonzerns BASF. Der Branchenverband VCI spricht von schlechteren Finanzierungsbedingungen für die Kunden.
Die Stahlkocher hoffen noch auf die zuletzt schnell wachsenden Märkte im Ausland. Mit konkreten Prognosen halten sie sich aber schon zurück. "Angesichts der Turbulenzen in Folge der Finanzmarktkrise lässt sich im Moment kaum abschätzen, wie sich die weltweite Stahlnachfrage entwickeln wird", sagte der Chef des Stahlhändlers Klöckner & Co, Thomas Ludwig.
Technologieriesen wie Siemens erwarten für das kommende Jahr eine Eintrübung. Bei Glühbirnen etwa sei bereits ein leichter Nachfragerückgang zu spüren. Eine Delle im Auftragseingang verzeichnet der vor allem auf Investitionsgüter spezialisierte Konzern jedoch noch nicht.
Die gewöhnlich krisenanfällige Baubranche gibt sich trotz der negativen Vorzeichen noch optimistisch. Es gebe derzeit keine Projektverschiebungen, heißt es von Hochtief und Bilfinger Berger. Dies könne sich jedoch rasch ändern. Wenn es der Wirtschaft schlechtgehe, werde sich das irgendwann auf die Investitionen niederschlagen. Der Baustoffhersteller HeidelbergCement hat bereits im August ein Sparprogramm angekündigt. Das Unternehmen werde "bei einer Verschärfung der Krise natürlich reagieren", sagte eine Sprecherin.
"Schreckgespenst Kreditklemme"
Ungemach droht den Unternehmen auch durch steigende Kreditkosten. "Durch die Krise müssen sich die Kredite für Unternehmen zwangsläufig verteuern", sagte Susanne Lahmann von der Bremer Landesbank. "Das Schreckgespenst Kreditklemme wird kommen, wenn es nicht schon unterwegs ist." Davon betroffen seien zunächst vor allem Technologiefirmen, die einen hohen Finanzierungsbedarf hätten. Die Anleger hatten jüngst bereits den Technologiewerteindex TecDax auf Talfahrt geschickt. Er war in der zu Ende gehenden Woche stärker als der Leitindex Dax eingebrochen.
Einen Teil der von den Analysten erwarteten Gewinnwarnungen dürften die Aktienbörsen schon vorweggenommen haben. "Die Frage ist, ob das reicht", sagt Carsten Klude von MM Warburg.
Angelika Gruber, Reuters

