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Montag, 08. September 2003

Kein "Kampf der Kulturen": Für einen Dialog der Religionen

Spätestens seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist religiös motivierte Gewalt in aller Munde. Vor allem das Stichwort vom islamischen Fundamentalismus durchzieht die aktuellen Debatten wie ein roter Faden. Der Islam steht im Brennpunkt - fundamental militant sei er und stelle eine Bedrohung für die gesamte westliche Welt dar. Unweigerlich ist man an Samuel Huntingtons These vom "Clash of Civilizations" erinnert.

Doch entsprechen die Stereotype der Wirklichkeit? Ist der Islam wirklich in einem solchen Maße militant, wie es in der Öffentlichkeit dargestellt wird? Wie steht diese expandierende Weltreligion zu den Themen Krieg und Gewalt? Unter diesem Gesichtspunkt nähert sich der Religionswissenschaftler Adel Khoury in seinem Sammelband "Krieg und Gewalt in den Weltreligionen" der aktuellen Debatte.

Dabei wirft der Islamexperte nicht nur einen Blick auf sein Fachgebiet Islam, sondern analysiert mit Hilfe von Beiträgen anderer Autoren die vier großen Weltreligionen. Ausgehend vom Christentum, über Islam und Buddhismus wird der Leser selbst aus dem Blickwinkel des Hinduismus in die Thematik "Krieg und Gewalt" eingeführt.

Der Zwiespalt zwischen Nächstenliebe und Gewaltverzicht auf der einen, Krieg und Gewalt auf der anderen Seite ist dabei jeder der vier genannten Religionen immanent. Ob Islam, Christentum, Buddhismus oder Hinduismus - sie alle tragen diesen Konflikt in sich. Dabei ist es interessant zu sehen, wie die jeweiligen Glaubensrichtungen versuchen, eine ausgewogene Balance zwischen den Extremen zu finden.

Die Mär vom friedlichen Christentum

Zunächst zeigt Thomas Hoppe in seinem Essay über das Christentum wie der christliche Glauben seit seinen Ursprüngen mit dem Problem der Gewalt zurechtkam. Er schildert, wie beispielsweise die Kreuzzüge unter dem Paradigma des "gerechten Krieges" geführt wurden.

Für das Christentum war der Zweite Weltkrieg eine Zäsur. Nach dem Ende des Kriegs rief Papst Pius XII. die Menschen auf, Krieg nicht mehr als Mittel zur Problemlösung anzusehen - man fühlt sich unweigerlich an die Debatte um den Irakkrieg erinnert.

Damals wurde der Angriffskrieg geächtet. Später entwickelte sich die Theorie des "ius in bello", woraus die Genfer Konvention entstehen sollte. Diese zunehmende Spezifizierung vom "gerechten Krieg" bis hin zum "Recht im Krieg" zeigt deutlich, wie das Christentum den Spagat zwischen Gewaltverzicht und Verantwortung gegenüber Kriegsopfer immer wieder neu versuchen muss. Diese Geschichte ist noch lange nicht zu Ende - doch trotz aller Gewalt sollte der Friedensgedanke immer im Vordergrund stehen.

Was "Djihad" wirklich bedeutet

Auch der Islam sieht sich mit solch einem Konflikt konfrontiert. Einerseits existiert ein Vorrangsgebot für den Frieden, andererseits wird den Gläubigen des Islam aufgetragen, ihre Religion gegen die Bedrohung durch Ungläubige zu verteidigen. In diesem Kontext fällt der häufig zitierte Begriff "Djihad ". Khoury macht den Leser explizit darauf aufmerksam, dass entgegen der verbreiteten Vermutung "Djihad" keineswegs Krieg oder gar "heiliger Krieg" bedeutet.

Der Begriff, der mittlerweile in fast jeder Nachrichtensendung erwähnt wird, meint vor allem den Einsatz im Dienst des Glaubens und der Religion Gottes, des Islam. Schnell wird klar, wie wenig über den Islam bekannt ist und mit wie viel Fehlinformationen wir tagein, tagaus konfrontiert werden.

Höchste Zeit für einen Dialog der Religionen

Eines wird klar, und darauf legen alle Autoren des Buches großen Wert: Es ist an der Zeit, einen Dialog über die Glaubensgrenzen hinweg zu führen, um mit Stereotypen über die anderen Religionen Schluss zu machen.

Darin ist in erster Linie der Sinn dieses Buches zu sehen. Es soll dazu anregen, sich über andere Religionen zu informieren. Sicherlich, mit seinen knappen 140 Seiten ist der Informationsgehalt, der dem Leser angeboten wird, nicht erschöpfend. Doch gerade darin liegt auch der Reiz dieses Sammelbandes. Es bietet einen ersten Einstieg ins Thema - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Michael Müller

"Krieg und Gewalt in den Weltreligionen: Fakten und Hintergründe", hrsg. von Adel Theodor Khoury und anderen, Freiburg: Herder, 2003, 140 Seiten, 12,90 Euro.

Quelle: n-tv.de