Freitag, 12. Januar 2007
Energieriese wackelt: Fusion Suez-GDF vorm Aus
Der von Frankreich gezimmerte "europäische Energie-Champion" aus dem Gaskonzern GDF und dem Stromversorger Suez steht noch vor seiner Vollendung vor dem Aus. Widerspenstige Gewerkschaften, unzufriedene Suez-Aktionäre, der französische Verfassungsrat und drohende Übernahmeattacken feindlicher Investoren, die Suez filetieren und stückchenweise verkaufen wollen: Alles scheint sich gegen das große Projekt des "französischen Industriepatriotismus" verschworen zu haben. Jetzt wird in Paris sogar eine Übernahme von Suez durch E.ON oder RWE befürchtet.
Mit großer Geste hatte Premierminister Dominique de Villepin vor einem Jahr die Fusion des Staatskonzerns GDF sollte mit der privaten Strom- und Wasserversorger Suez angekündigt. Paris würde Sitz eines neuen Konzerns der Superlative mit 60 Milliarden Euro Umsatz und 200.000 Mitarbeitern: Suez/GDF wäre der größte Flüssiggasanbieter der Welt, der größte Erdgaskonzern der EU, einer der größten Stromkonzerne und der weltweit zweitgrößte Wasserversorger noch dazu.
Mit der Fusion wollte Villepin Suez vor einer Übernahme durch den italienischen Stromkonzern ENEL retten. Dabei wäre GDF privatisiert worden. Doch der Staat hätte über eine Sperrminorität im Gesamtkonzern auch Einfluss auf Suez erhalten. Für das Projekt nahm Villepin sogar eine heftige Krise im Verhältnis mit Italien und harte Verhandlungen mit der EU-Kommission über die Fusionsauflagen in Kauf.
Ein Jahr später droht der Traum zu platzen wie eine Seifenblase. Erst blockierten Suez-Großaktionäre mit der Forderung nach Milliarden-Sonderdividenden die Fusion. Dann verzögerten Streiks und politischer Streit die nötige Reform des GDF-Gesetzes bis in den November hinein. Schließlich untersagte der Verfassungsrat jeden Zusammenschluss vor dem 1. Juli 2007, weil bis dann ein Staatsmonopol im Gasmarkt gilt, das keinem Privatkonzern zufallen dürfe. Doch im Frühjahr sind Präsidenten- und Parlamentswahlen. Wenn die Sozialisten gewinnen, ist die Fusion nicht mehr durchsetzbar, weil die Partei die Vollverstaatlichung von GDF auf ihre Fahnen geschrieben hat.
Wegen der Verzögerungen ist zudem die Fusionsvereinbarung fast schon hinfällig geworden. Denn die Börsenwerte beider Konzerne haben sich stark verändert. Die Suez-Aktionäre sind über die realen Werte und nötige Ausgleichszahlungen heillos zerstritten. Ihre Zustimmung zur Fusion ist heute mehr als unsicher. Vergeblich versuchte GDF-Chef Jean-Franois Cirelli daher, mit einer Kapitalverflechtung schon frühzeitig Fakten zu schaffen. Selbst die Gespräche über industrielle Kooperationen stocken. "Da steckt nichts dahinter. Man überschminkt nur die Blockade", sagte ein Insider der Finanzzeitung "La Tribune".
Jetzt herrscht Ratlosigkeit. "Wir stecken in der Sackgasse", heißt es aus Industriekreisen. "Aber niemand will das zugeben." Prompt gilt Suez wieder als mögliches Opfer einer feindlichen Übernahme. "Firmenjäger" könnten den Konzern in das Strom-, Gas- und Wassergeschäft zerlegen und unerwünschte Sparten wieder verkaufen.
Im Zentrum der Spekulation steht nun der Pariser Investor Franois Pinault. Er soll im Bündnis mit Energiekonzernen wie E.ON, RWE oder ENEL einen Angriff auf Suez planen. Beweise gibt es keine, doch die Gerüchte bewegen die Suez-Aktie, die binnen sechs Monaten schon um ein Drittel auf 39 Euro gestiegen ist. Um die Spekulation zu brechen, hatte die Finanzmarktaufsicht AMF am Dienstag Pinault aufgefordert, seine Absichten nun endgültig klarzumachen. ENEL wiegelt ab und will sich nach eigener Darstellung nicht mehr an einem Bieterwettstreit beteiligen. "Der europäische Energiesektor steckt in der Konsolidierung, aber es gibt keinen Platz für feindliche Attacken", meinte Enel-Chef Fulvio Conti am Donnerstag der Nachrichtenagentur Radiocor zufolge. Pinault schweigt noch.
von Hans-Hermann Nikolei, dpa

