Samstag, 03. Mai 2008
Freunde und Fans nehmen Abschied: Geschonneck beigesetzt
Abschied von einem Jahrhundertschauspieler: Kollegen und Spitzenpolitiker der Linken haben Erwin Geschonneck auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin das letzte Geleit gegeben, vorbei am Grab des von ihm verehrten Bertolt Brecht. "Mach's gut, Geschi!" stand auf dem von weißen Rosen und roten Nelken umrahmten Porträtfoto in der Friedhofskapelle, in der noch einmal Texte Brechts und ein Arbeiterkampflied von Ernst Busch zu hören waren. Geschonneck, der noch mit Brecht am Berliner Ensemble arbeitete und später mit Filmen wie "Das Beil von Wandsbek", "Karbid und Sauerampfer" oder "Jakob der Lügner" bekannt wurde, war am 12. März im stolzen Alter von 101 Jahren gestorben.
"Er war ein großer Volksschauspieler, er war ein Mann, nehmt alles nur in allem. Erwin Geschonneck, wir verneigen uns in Dankbarkeit!", sagte Regisseur Thomas Langhoff in seiner Trauerrede in Anwesenheit der Politiker der Partei Die Linke Gregor Gysi, Lothar Bisky und Petra Pau sowie des Berliner Bürgermeisters und Wirtschaftssenators Harald Wolf (Linke). Regierungschef Klaus Wowereit (SPD) hatte einen Kranz niederlegen lassen ebenso wie die Akademie der Künste, das ZDF und das von Claus Peymann geleitete Berliner Ensemble (BE), dessen Schleife die Inschrift trug: "Dem großen Brecht-Schauspieler der Ersten Stunde. In Bewunderung - Berliner Ensemble".
Letzte Ruhe auf dem Prominentenfriedhof
Das Urnengrab Geschonnecks liegt in der Nähe des anderen großen BE-Mannes George Tabori. Auf dem "Prominentenfriedhof" neben der Brecht-Weigel-Gedenkstätte sind unter anderem auch die Gräber von Heinrich Mann, Anna Seghers, Heiner Müller, Stephan Hermlin, der Philosophen Fichte und Hegel und des früheren Bundespräsidenten Johannes Rau.
Langhoff, langjähriger Intendant des Deutschen Theaters in Berlin, würdigte Geschonnecks "langes und erfülltes Leben", der jetzt an der "sozialistischen Himmelstür" mit den Worten anklopfe: "Lasst mich nur herein. Ich bin ein Mensch gewesen und das heißt, ein Kämpfer sein!" Der geborene Ostpreuße Geschonneck sei ein Schauspieler voller Witz und Hartnäckigkeit gewesen, der sich auch politisch engagiert habe. "Er ist seinen Ideen treugeblieben und war auch aufmüpfig, aber er hat nicht an den Grundfesten seiner Partei und seines Landes gerüttelt", betonte Langhoff.
"Kleines Bastardländchen"
"Es erstaunte doch, dass dieser bedeutende Künstler in den Nachrufen als ostdeutscher Schauspieler etikettiert wurde, als ob er Schauspieler in einem kleinen Bastardländchen war, in dem immerhin Künstler wie Brecht, Dessau, Seghers und Eisler gearbeitet haben, das war sein Zuhause." Geschonneck habe es ebenso verdient, "in das kulturelle Gedächtnis des deutschen Volkes" aufgenommen zu werden. 1993 wurde er mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. "Und ein Brecht hätte seine Theaterideen ohne Menschen wie Busch, Weigel und eben Geschonneck nicht verwirklichen können."
Geschonnecks Sohn Alexander erinnerte daran, dass sein Vater zu den Überlebenden beim Untergang des Schiffes "Cap Arcona" am Ende des Krieges gehört habe und er genau am Jahrestag der Katastrophe beigesetzt werde. "Es ist der Lebenslauf eines Antifaschisten, Genossen und populären Schauspielers, ein Star zum Anfassen, ein Komödiant mit Eigensinn am rechten Fleck. Er hatte ein großes Herz und war voller Witz, der als Gaukler in Erinnerung bleiben wollte, nicht als Tragöde." Der Sohn und Regisseur Matti Geschonneck, der mit dem Schauspieler in den 90er Jahren den Film "Matulla und Busch" drehte, las auf Wunsch seines Vaters Brechts "Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration". Zu den Trauergästen gehörten auch die Schauspieler Herbert Köfer und Jaecki Schwarz und der Filmautor Wolfgang Kohlhaase.
Von Wilfried Mommert, dpa



