Samstag, 25. Oktober 2008
Islamisch erlaubte Lebensmittel
Halal hängt Bio ab
Gleich neben dem "normalen" Kühlregal führt der Supermarkt im Nordosten von Paris noch eine kleinere Auswahl an Fertigprodukten und Fleisch, die auf den ersten Blick wie eine Wiederholung scheint. "Knackis" von Herta und Cordon Bleu aus Putenfleisch liegen in dem schmalen Regal, Rindersalami und Paella mit Huhn. Der Unterschied wird beim zweiten Blick auf die Packungen klar: Hier ist alles "halal" - also nach islamischen Speisevorschriften hergestellt. "Es gibt wenig Märkte, die ein zweistelliges Wachstum versprechen", sagt Cécile Agbo, Marketingchefin beim französischen Tiefkühl-Heimservice Toupargel. "Halal" ist demnach so ein Markt.
Die für streng gläubige Muslime erlaubten Erzeugnisse hätten Bioprodukte und andere Wachstumssparten im Lebensmittelbereich längst abgehängt, sagt Agbo. Toupargel bietet seine "Halal"-Produkte seit kurzem in einem eigenen Katalog an. Der Bereich legt jährlich um zehn bis 15 Prozent zu, wie die Marketingfrau sagt. Er ist eine Art Eldorado für den Einzelhandel, zumindest in Frankreich, wo die größte muslimische Gemeinde Europas lebt: mehr als fünf Millionen potenzielle Kunden für "Halal"-Produkte.
Mehr als statthaftes Essen
Und die Kaufkraft der Muslime steigt, wie der französische Verband MCI (Muslim Conseil International) betont. Deshalb leiste sich vor allem die jüngere Generation der muslimischen Kunden "mehr Qualität" als ihre Eltern vor zwanzig oder dreißig Jahren. "Halal" sei ein Gütesiegel für sie.
"Es geht nicht nur um erlaubtes, statthaftes Essen, sondern um mehr", sagt Mahmoud Tatari von der Informations- und Prüfstelle Halal Control in Rüsselsheim. "Esset von den guten Dingen", heiße es im Koran. Gute Dinge müssten aber auch "sozial verträglich" sein. Das heißt laut Tatari: Keine Kinderarbeit, "nicht zu Lasten von armen Menschen", ohne Tierquälerei. Wobei sich zumindest über die Tierquälerei streiten lässt, denn gläubige Muslime dürfen nur Fleisch essen, das von geschächteten Tieren stammt. Also von Tieren, die der Schlachter ohne Betäubung ausbluten lässt, und über diese Art des Tötens wird in Deutschland wie in Frankreich heftig diskutiert.
Deutschland hinkt hinterher
"Der Markt ist riesig", sagt Tatari. McDonald's habe seinen Umsatz in Malaysia binnen kürzester Zeit um knapp ein Drittel Prozent erhöht, als es seine Erzeugnisse als statthaft zertifizieren ließ; der deutsche Gummibärchen-Hersteller Haribo stelle nicht umsonst auch Fruchtgummis nach islamischem Reinheitsgebot her. "Die Anfragen nach einem Zertifikat steigen teils um 100 Prozent pro Jahr", sagt Tatari. Unlängst habe die Prüfstelle sogar eine Kaffeerösterei zertifiziert. "Eigentlich ist Kaffee ja kein Problem." Bloß wenn die Anlagen mit Alkohol gereinigt würden, sei er nicht mehr "rein". Streng genommen "muss man dann mit Wasser nachreinigen".
Französische Unternehmen wie Casino haben das Geschäft erkannt, das sich mit "Halal" machen lässt. Seit August betreibt die Einzelhandelskette eine Internetseite mit dem Namen Wassila, auf der nicht nur ihr Sortiment der statthaften Lebensmittel zu finden ist, sondern auch Angaben zu Herstellung und Prüfsiegel. Wer den Strichcode eines Produktes eingibt, sieht auf einen Blick, woher die Zutaten kommen und welche Zertifizierungsstelle sie gebilligt hat.
Weltweit entwickele sich das "Halal"-Siegel immer mehr zum Qualitätsmerkmal, sagt Tatari. Deutschland habe aber "Berührungsängste" und hinke "weit hinterher". In der Tat könne von einem flächendeckenden Angebot keine Rede sein, sagt ein Sprecher der Edeka-Gruppe. Vereinzelt hätten die Märkte aber Erzeugnisse nach islamischen Speisevorschriften im Sortiment.
Kerstin Löffler, AFP
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