Montag, 05. September 2005
Mit Rapskernöl: In zwei Wochen in die Gewinnzone
Über die ersten Bestellungen wurde Jungunternehmer Rafael Kugel per SMS informiert, als er seiner Braut gerade das Jawort gab. Tage zuvor hatte er als Einzelunternehmer die Handelsfirma rapskernoel.info gestartet. Zwei Wochen später verzeichnete sein kleines Unternehmen bereits 700 Kunden und erreichte den "break even point", also die Gewinnzone.
Dass jemand, der sich gerade selbständig macht, auch noch die Nerven für eine Hochzeitsfeier hat, ist auf den ersten Blick ungewöhnlich. Aber auch sonst entspricht Kugel so gar nicht dem Bild, das man sich gemeinhin von einem Existenzgründer macht: Er ist überaus gelassen und wirkt absolut nicht wie jemand, der sich darauf eingestellt hat, die nächsten beiden Jahre auf Urlaub zu verzichten und sich in jeder freien Minute mit Geschäftszahlen und Steuerproblemen herum zu schlagen. Das muss er aber auch gar nicht.
Kugel ist Diplomkaufmann und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Günter Faltin, der an der Freien Universität Berlin Ökonomie lehrt und mit seinem Arbeitsbereich Entrepreneurship zeigen will, dass fast jede und jeder Unternehmer werden kann - mit dem richtigen Konzept und professioneller Unterstützung. Dazu hat Faltin auch außerhalb der Uni eine Reihe von Organisationen geschaffen. Am Anfang stand die Projektwerkstatt GmbH, eine Firma, die für Gründungen wie etwa rapskernoel.info die gesamte Infrastruktur zur Verfügung stellt, Webhosting und Buchhaltung inklusive.
Die Projektwerkstatt wickelt auch die Geschäfte für ein Unternehmen ab, das Faltin vor 20 Jahren gründete und das sich eines geradezu unglaublichen Erfolges erfreut: die Teekampagne. Über 400 Tonnen Darjeeling-Tee vertreibt die Kampagne inzwischen jedes Jahr, Tendenz steigend.
2001 richtete Faltin die Stiftung Entrepreneurship ein, die zeigen soll, wie man mit guten Ideen erfolgreich gründen kann, auch wenn man nur über wenig Kapital verfügt. An der Universität betreibt er ein "Labor für Entrepreneurship", das Gründungswilligen auf die Sprünge hilft. Im Blick hat Faltin dabei allerdings "nur Start-Ups, die sehr guten "value for money" bieten, nicht Geschäftshuber."
Auch Rafael Kugel geht es nicht in erster Linie um den schnellen Euro. Er will mit seiner Initiative vor allem den akademischen Elfenbeinturm verlassen, durch Praxiserfahrung bei den Studierenden Glaubwürdigkeit gewinnen - und Material für seine anstehende Doktorarbeit generieren.
Dennoch ist rapskernoel.info kein Laborversuch sondern eine reale Firma im wirklichen Leben. Auf die Idee, ausgerechnet mit Rapskernöl zu handeln, kam Kugel, als er sich nach einem Verbrauchsgut umsah, das hochwertig und gut haltbar ist - und das im Einzelhandel deutlich teurer verkauft wird, als nun im Direktvertrieb. Dabei stieß er auf die "Teutoburger Ölmühle", die ähnlich wie Projektwerkstatt und Teekampagne eine Gründung aus dem universitären Umfeld ist. Dort wird die Rapssaat zunächst geschält und dann schonend kalt gepresst.
Das Verfahren erhielt den deutschen Innovationspreis, das so gewonnene Öl wurde von Öko-Test mit "sehr gut" bewertet und kostet im Einzelhandel zwischen 12 und 19 Euro pro Liter. Bei Kugel gibt es für 18 Euro gleich drei Liter - ausschließlich in einer recycelbaren "Bag-in-Box", in der das Öl besonders lange frisch bleibt. Auch wenn der Versand mit 4,20 Euro zu Buche schlägt, ist das "Olivenöl des Nordens" konkurrenzlos preiswert. Und nachdem rapskernoel.info in einem Rundschreiben der Teekampagne erwähnt wurde, konnte Kugel innerhalb weniger Tage mehr als 1000 Pakete absetzen.
Viel Arbeit hat er damit - wie angedeutet - nicht: die Bestellungen gehen entweder via Website direkt an die Projektwerkstatt oder werden von "ebuero.de" (eine weitere erfolgreiche Gründung aus dem Faltin-Umfeld) per Telefon und Fax entgegen genommen und weitergeleitet. Danach gehen die Orders an einen Dienstleister, der das Öl abfüllt und zum Versand an die Kunden freigibt.
Für Rafael Kugel bleibt das "Kerngeschäft" des Unternehmers übrig: das Geschäftsmodell kreativ weiter entwickeln, die Schnittstellen optimieren und immer dann eingreifen, wenn etwas nicht richtig läuft. Kunden und Geschäftspartner sind meist angenehm überrascht, wenn sich bei Problemchen der Chef sofort persönlich meldet, weiß Kugel zu berichten.
Und: "Das Ganze macht einfach riesig Spaß! Was ich im bei der Gründung alles gelernt habe, muss man anderswo teuer bezahlen." In Sachen Rapsöl ist er inzwischen ein echter Experte: "Vom Anbau über die Ölgewinnung bis hin zu Qualitätskontrolle und Versand habe ich alles mit eigenen Augen gesehen. Ganz wie bei der 'Sendung mit der Maus' - nur eben live."



