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Dienstag, 25. Mai 2004

"Operation Regenbogen": Israels Scherbenhaufen

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem

"Operation Regenbogen" nannte ein israelischer Armeecomputer willkürlich den einwöchigen Einmarsch im Süden des Gazastreifens. Die Entdeckung von Waffenschmuggler-Tunneln war das offizielle Ziel der Militäroperation. Sie lieferte mehr Fragen denn Antworten.

"Wir überprüfen den Vorfall noch", war die Standardantwort eines muffigen Militärsprechers, wenn man nach der israelischen Version von Ereignissen fragte, die Palästinenser mit allen Einzelheiten geschildert hatten. So etwa der Tod eines dreijährigen Mädchens, das je nach Quelle schon fünf Jahre alt war, auf der Straße spielte oder Süßigkeiten einkaufte. Einwandfrei bestätigt ist lediglich, dass Rauwan Abu Sayed durch einen Schuss in Kopf und Hals getötet wurde. War es ein israelischer Scharfschütze, wie palästinensische Augenzeugen behaupten, ohne ihn gesehen zu haben? Der Militärsprecher prüft noch.

Eingeständnis nach einem Tag

Als palästinensische Demonstranten in Richtung Tel Sultan marschierten, israelische Warnungen und Warnschüsse in den Wind schlugen, schoss ein israelischer Panzer vier Granaten in Richtung der Demonstration. Die Zahl der Toten stieg von sieben auf 28 und sank wieder auf acht. Einen ganzen Tag benötigte der Militärsprecher für das Eingeständnis, dass da wohl ein furchtbarer Fehler gemacht wurde.

Die Palästinenser hätten gemäß einer Hisbollah-Taktik die Demonstration ins Kampfgebiet organisiert. Dann hieß es, dass eine palästinensische Bombe am Straßenrand losgegangen sei. Solche Bomben sollten israelische Truppen treffen. Es gab viele "Arbeitsunfälle". Die Explosion einer Bombe neben Demonstranten wäre denkbar. Der Knesset-Abgeordnete Taleb el Sana sprach von einem Massaker und verwünschte die Mutter des Hubschrauberpiloten, der die Demonstranten ermordet habe. Seine Behauptungen nahm er nicht zurück, obgleich sie sich als einwandfrei falsch herausstellten. Erst nach Stunden gestanden die Israelis den "tragischen Irrtum" und übernahmen die Verantwortung für den Beschuss der Demonstration mit Panzergranaten.

Keine Freigabe von "Beweisen"

Im Widerspruch zu palästinensischen Angaben behaupteten die Israelis, dass sich unter die Demonstranten "vermummte Bewaffnete" gemischt hätten. Unter den Toten bei jener Demonstration waren auch zwei Kinder. Doch die wurden nicht von den Panzergranaten getroffen, hieß es in Israel. Palästinensische "Extremisten" hätten sie erschossen, als Soldaten die Männer aufforderten, sich zu ergeben und abführen zu lassen. Das Militär habe Filmaufnahmen der willkürlichen Erschießung. Aber aus "Sicherheitsgründen" könnten diese "Beweise" nicht freigegeben werden. So bleibt es wieder bei israelischen Behauptungen, die natürlich von palästinensischer Seite nicht bestätigt werden.

Immerhin hat Israel mit fast zweiwöchiger Verspätung eine andere problematische Behauptung durch Filmaufnahmen belegt. UN-Generalsekretär Kofi Annan verlangte "Beweise" für den Missbrauch von UN-Ambulanzen. Das hat die UN-Flüchtlingshilfe UNRWA in einer Presseerklärung zwar bestätigt, aber erst am Montag wurde im Fernsehen gezeigt, wie bewaffnete Männer im Kampfgebiet einen Krankenwagen der Vereinten Nationen besteigen. Widerspruch des Ambulanzfahrers war nicht zu erkennen. Die UN sprachen von einer "Ausnahmesituation". Gleichwohl ist das ein schwerer Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht.

Walzen über parkende Autos

Das zurück gebliebene Trümmerfeld liefert weiteren Stoff für Widersprüche. Die Vereinten Nationen berichtete von fast 2.000 zerstörten Häusern. Die Israelis bestätigten 56 zerstörte Häuser, von denen nur vier "Terroristen" gehört hätten. Nicht mitgezählt haben sie jene schwer beschädigten Wohnungen, die durch "Bewegungsmanöver" der Panzer lädiert wurden. Wenn sie nämlich eine "Bombenansammlung" umfahren mussten, um die Soldaten nicht zu gefährden, walzten sich die Panzer über parkende Autos und pflügten durch weiche Häuserfronten.

Auch die Ernte fiel eher dürftig aus. Kein Erntedankfest war für Israel die Resolution des UN-Sicherheitsrates, wo die USA erstmals seit Beginn der Intifada ein blockierendes Veto verweigerten. Das erklärte Ziel der "Operation Regenbogen" war die Suche nach Waffenschmugglertunnels vom palästinensischen Gazastreifen nach Ägypten. Fast hundert wurden seit Beginn der Intifada entdeckt und gesprengt.

Durch die von Kindern gegrabenen Tunnel gelangten Panzerfäuste und andere "verbotene" Waffen in den Gazastreifen. Doch die Operation Regenbogen wütete in Tel el Sultan, einen Kilometer von der Grenze entfernt. Was das mit Tunnel zu tun hatte, bleibt ein Rätsel. Der Militärsprecher bestätige auf Anfrage, dass zwei Tunnel und ein "Eingang zu einem Tunnel" gefunden wurden. Der Kommandant der Operation zählte drei Tunnel und einem Eingang. Können Israels Militärs nicht mal bis drei zählen?

Wenig ertragreiche Operation

Streitpunkt blieben auch die Toten. Die Palästinenser redeten von "mehr als 50 Zivilisten". Die Israelis nannten 41 "bewaffnete Terroristen" und 12 Zivilisten. Am Ende bleibt die Frage, wer die kleine Rauwan Abu Sayed mit zwei oder drei Schüssen erlegt hat. Die Palästinenser wissen es genau. Die Israelis "prüfen" noch den Vorfall, obgleich sie schon festgestellt haben, dass keine Soldaten in der Gegend waren und israelische Scharfschützen dort keinen Schuss abgegeben hätten.

Wahrscheinlich wäre Rauwan Abu Sayed heute noch am Leben, wenn die wenig ertragreiche "Operation Regenbogen " nicht stattgefunden hätte. Und wäre sie in normalen Zeiten einer verirrten palästinensischen Kugel zum Opfer gefallen, hätte sie keine Schlagzeile gemacht.

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