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Erfolgreich und umstritten: Karl Diehl mit 100 Jahren gestorben

Er war ein ebenso erfolgreicher wie umstrittener Unternehmer: Der Nürnberger Industrielle Karl Diehl ist am Samstag im Alter von 100 Jahren gestorben. Der von ihm aufgebaute und heute von seinen Söhnen geleitete Diehl-Konzern zählt mit einem Umsatz von 2,2 Mrd. Euro und weltweit mehr als 11 000 Mitarbeitern zu den größten deutschen Rüstungsproduzenten. "Karl Diehl hat das Erbe seiner Eltern durch schwere Zeiten geführt und zu einem der erfolgreichsten deutschen Familienunternehmen geformt", hieß es in einer Mitteilung des Unternehmens.

Erst vor rund fünf Jahren hatte Diehl den Aufsichtsratsvorsitz im Unternehmen abgegeben, und bis zuletzt war der Seniorchef präsent. Noch Ende Oktober eröffnete er im Werk Röthenbach nahe Nürnberg gemeinsam mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein (CSU) eine neue Fertigungsanlage. Diehl galt als freigiebiger Mäzen mit großem sozialem Engagement. Heftig umstritten war aber zeitweise seine Rolle im Nationalsozialismus.

Karl Diehl wurde am 4. Mai 1907 in Nürnberg geboren. Den Grundstein für den heutigen Konzern hatte sein Vater Heinrich Diehl mit der Gründung einer Kunstgießerei gelegt. Karl Diehl trat mit 23 Jahren in das Unternehmen ein und übernahm nach dem Tod des Vaters 1938 die Leitung. Schon vorher war er Mitglied der NSDAP geworden. Die Aufrüstung während der Nazi-Zeit machte das Unternehmen zu einem der wichtigsten deutschen Rüstungsproduzenten.

Der als kriegswichtig eingestufte Betrieb produzierte millionenfach Aufschlagzünder und Patronen. Dabei wurden auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiterinnen eingesetzt - ein Schatten, der erst viel später auf Diehl zurückfiel: Als ihm die Stadt Nürnberg 1997 die Ehrenbürgerwürde verlieh, kamen Einzelheiten aus der Nazi- Zeit ans Licht. Dies führte zu heftigen Protesten. Diehl selbst suchte den Dialog mit überlebenden Zwangsarbeiterinnen und zahlte freiwillig Entschädigungen. Sein Sohn Werner reiste nach Israel, um sich persönlich bei ehemaligen Zwangsarbeiterinnen zu entschuldigen.

"Wie die meisten Unternehmer in seiner Situation handelte er pragmatisch", urteilt der Erlanger Historiker Prof. Gregor Schöllgen über Diehls Rolle in der Nazi-Zeit. Der Unternehmer selbst erklärte später, er habe Betrieb, Familie und Mitarbeiter nicht gefährden wollen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg baute Diehl die teils zerstörte Firma wieder auf und hielt sie zunächst mit allen denkbaren Aufträgen wie der Zerlegung von Flugzeugschrott oder der Umformung von Stahlhelmen zu Haushaltsgeräten über Wasser. Bereits Mitte der 1950er Jahre wandte er sich erneut der Rüstungsproduktion zu, ließ für die Bundeswehr Panzerketten, Munition und Waffensysteme fertigen.

"Ein Unternehmen kann nur mit Optimismus geführt werden", lautete der Wahlspruch des als zurückhaltend und konservativ geltenden Patriarchen. Seiner Heimatstadt stets eng verbunden, stellte er dennoch schon früh die Weichen für eine globale Ausrichtung des Konzerns. Im Laufe der Jahre baute er die Unternehmensgruppe aus und bemühte sich darum, die Abhängigkeit vom Rüstungssektor zu verringern. So gehörte zeitweise etwa die Uhrenfabrik Junghans zu Diehl.

In den 1990er Jahren musste Diehl sein Unternehmen wegen des rückläufigen Militärmarktes umstrukturieren. 1993 übernahm Sohn Thomas die operative Leitung der Gruppe. 2002 übergab Karl Diehl den Aufsichtsratsvorsitz an seinen ältesten Sohn Werner. Das 1998 zur Diehl Stiftung & Co. KG umgewandelte Familienunternehmen ist heute in den vier Teilkonzernen Metall, Controls, Defence und Aerosystems organisiert. Mit der Fertigung von Zündern und Lenkflugkörpern zählt Diehl nach wie vor zu den wichtigsten Ausrüstern der Bundeswehr und der NATO-Streitkräfte. Etwa ein Drittel der Erlöse entfällt auf die Wehrtechnik. Auch als Airbus-Zulieferer spielt Diehl eine bedeutende Rolle.

Von Stephan Maurer, dpa

Quelle: n-tv.de