Mittwoch, 20. Oktober 2004
"Jetlag des kleinen Mannes": Keine Frage der Vernunft
Die Sommerzeit ist der Jetlag des kleinen Mannes, heißt es. Doch es gibt einen Unterschied: Nach einer Reise von, sagen wir, Berlin nach Dublin ist die Zeitumstellung nur eine von vielen Änderungen, mit denen der Biorhythmus zurechtkommen muss. Der Körper weiß: Ich bin in einer neuen Umgebung, auf die muss ich mich einstellen.
Bei der Umstellung von der Sommer- zur Winterzeit, bei der die Uhr ebenfalls um eine Stunde zurückgestellt wird, ist dies anders. Nichts ändert sich, außer der Zeit. Der "inneren Uhr" fehlen dadurch wichtige Signale für die Umstellung, sagt Jürgen Zulley, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Universität Regensburg. "An den ersten Tagen nach dem Zeigerdreh passieren sechs Prozent mehr Unfälle als sonst ", erklärt der Sommerzeit-Gegner. Zulley spricht von einem "Mini-Jetlag unter erschwerten Bedingungen".
Dennoch spricht aus medizinischer Sicht nichts gegen die Sommerzeit. "Ein langfristig gesundheitsschädigender Effekt durch die Zeitumstellung
konnte bisher nicht nachgewiesen werden und wird von Wissenschaftlern als unwahrscheinlich angesehen", schreibt das Online-Gesundheitsportal "MedizInfo".
Wirklich Schaden nehme der Körper durch die Zeitumstellung nicht, bestätigt der Frankfurter Anatom und Neurobiologe Horst-Werner Korf. Man habe nur ein unangenehmes Gefühl, könne sich schlechter konzentrieren und sei abgeschlagen. Dabei macht es einen Unterschied, ob die Uhr vor- oder zurückgestellt wird. In den ersten Tagen nach der Uhr-Umstellung im Oktober wird der Körper am Abend früher müde. Eine größere Belastung ist der Wechsel von der Winter- zur Sommerzeit. Wenn die Uhren im März vorgestellt werden, fehlt dem Körper morgens eine Stunde Schlaf.
Baldrian, Hopfen und Melisse
Meist dauert es ein paar Tage, bis sich etwa die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin auf den neuen Rhythmus eingestellt hat. Mögliche Beschwerden sind Schlafstörungen, depressive Verstimmungen, Schwankungen der Herzfrequenz, Konzentrationsschwäche, Appetitlosigkeit und Verdauungsprobleme. Laut "MedizInfo" gehen infolge der Zeitumstellung zwischen 8,5 und zwölf Prozent mehr Menschen zum Arzt als gewöhnlich.
Ein Arztbesuch ist jedoch nur bei massiven Schlafbeschwerden notwendig. Ein gesunder Körper schafft die Zeitumstellung ohne Probleme, vor allem ohne Schlafmittel. Gegen leichte Einschlafstörungen helfen Tees aus Baldrian, Hopfen und Melisse.
Weniger einfach ist die Umstellung für ältere Leute und kleine Kinder. Eltern von Babys können ein Lied davon singen: Gerade erst hat man das Kind daran gewöhnt, von 19.30 bis 6.30 Uhr zu schlafen. Und nun gilt mit einem Mal wieder die Winterzeit. Die Folge: Das Kind schreit am Abend, weil es schon um halb sieben hundemüde ist. Und morgens ist es bereits um halb sechs quietschfidel. Stress für die Eltern, deren Biorhythmus sich sehr viel schneller umgestellt hat.
Die Stimme der Unvernunft
Für Vera Mong ist die Sommerzeit "einfach unsinnig ". Die Potsdamerin hat die "Initiative Sonnenzeit" gegründet. "Ich weiß, dass jeder, der über einen gesunden Menschenverstand verfügt, in sich eine Stimme hat, die ihm sagt, dass die Sommerzeit Quatsch ist", mahnt Mong auf ihrer Website. "Da gibt es eben nur bei zu vielen noch eine zweite Stimme und die sagt etwas anderes. Diese zweite Stimme ist nicht die des Verstandes und der Vernunft!"
Freunde der Sommerzeit sind von der Stimme der Vernunft nun einmal nicht zu belehren. "Die kurze Disharmonie im Biorhythmus nehm ich gerne in Kauf", so der Kolumnist Urs Willmann in der "Zeit". Zu schön seien die ersten Erfahrungen mit der Sommerzeit. "Ein einziges Mal verzichten wir auf eine Stunde Schlaf, und schon wird es 211 Mal abends nicht gleich dunkel." Gegen diese Unvernunft kämpft Vera Mong. Ihrer Ansicht nach ist die Sommerzeit ein "als Wohltat maskiertes Übel".
Hubertus Volmer



