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Donnerstag, 24. Juli 2008

GM in der Krise: Koloss kurz vorm Eisberg

General Motors steckt seit einiger Zeit in ernsten Schwierigkeiten. Fast wie einst die Titanic steuert der gigantische Konzern durch äußerst unsichere Gewässer. Der Absatz auf dem US-Markt erlebt einen Einbruch nach dem anderen und alleine im letzten Jahr hat das Unternehmen einen Verlust von 40 Milliarden Dollar angehäuft. Der Konzern sitzt zwar noch auf einer Bar-Reserve von 23 Milliarden Dollar, doch auch dieses Geld schmilzt dahin. Sogar Gerüchte von Zahlungsunfähigkeit machten schon die Runde. Der europäische Ableger Opel hat hingegen in den letzten zwei Jahren die Gewinnzone erreicht und konnte in 2007 einen Gewinn von 198 Millionen Euro verbuchen. Daher ist die Premiere des neuen Hoffnungsträgers Insignia umso wichtiger für den Konzern geworden.

Seit der US-Markt in einer Dauerkrise steckt, ist die Bedeutung von Opel und dessen britischer Schwestermarke Vauxhall innerhalb des Konzerns merklich angewachsen. Die Werke in Deutschland sind ausgelastet und hocheffizient. Nach der Erneuerung der Modellpalette, dessen vorläufiger Höhepunkt das neue Mittelklasse-Modell Insignia ist, kann der Autobauer gegen den Trend seinen Absatz sogar in Deutschland halbwegs stabil halten. Die Qualitätsprobleme der späten neunziger Jahre sind überwunden und spätestens mit dem für 2010 angekündigten Astra haben die Rüsselsheimer ihr Angebot auf die Höhe der Zeit gebracht. Das stärkt die Opelaner im konzerninternen Wettkampf der Marken.

Titel als Weltmarktführer verloren

Die neue Wertschätzung der größten Tochter in Europa kommt nicht von ungefähr, denn die Modelle aus Deutschland spielen auf dem US-Markt zunehmend eine Rolle. Will GM dem größten Widersacher Toyota dort Paroli bieten ist es auf die kleineren und vor allem sparsamen Importe aus Europa dringend angewiesen. Die Japaner haben GM im ersten Quartal 2008 erstmals den Titel als größter Autobauer der Welt errungen. Für das vergangene Halbjahr kommt auch Volkswagen bedrohlich nahe. Den US-Konkurrenten Ford, die einstige Nummer zwei, haben die Wolfsburger aller Wahrscheinlichkeit nach bereits überholt.

Die Gründe dafür liegen vor allem in der Modellpalette von GM auf dem Heimatmarkt. Die wird immer noch beherrscht von spritfressenden Pickups, Geländewagen und Großlimousinen. Doch die Käufer in den USA werden ihren Marken zunehmend untreu und greifen zu den kleineren, sparsameren Importmodellen. Dieses Problem teilt sich GM mit Ford und Chrysler, einstmals die großen Drei der Automobilbranche. Allerdings ist es alleine mit dem Import von Opel-Modellen nicht getan. Laut Bob Lutz, Vice-Chairman von General Motors, bleibt der Astra auf dem US-Markt, der dort unter der Marke Saturn vertrieben wird, weit hinter den Erwartungen zurück. Das Schrägheck könnte ein Grund dafür sein. Zudem hat Saturn kaum Marketing-Budget um den Kompaktwagen ausreichend zu bewerben.

Abkehr von Pickups und Geländewagen

Nach der jüngsten Bilanz mit einem Absatzrückgang von 20 Prozent werden die Zügel brutal angezogen. Die Dividendenzahlungen wurden gestoppt, die Lohnkosten in den USA sollen um 20 Prozent gesenkt und Vermögenswerte in Höhe von vier Milliarden Dollar verkauft werden. Zudem wird ein Darlehen von mindestens zwei Milliarden Dollar aufgenommen. Damit will GM die Kapitaldecke bis 2009 wieder auf 15 Milliarden Dollar bringen. Vor allem bei der Produktion von Lastwagen, Pickups und Geländefahrzeugen wird radikal gestrichen. 170.000 Autos weniger sollen gebaut werden. Vier Fabriken für Transporter und Geländewagen werden komplett geschlossen. Dafür setzt man bei GM auf das Elektroauto. Mit dem Chevrolet Volt hat man eine Studie parat, die schon 2010 in Serie gehen soll. Ein vielversprechender Ansatz.

Gleichzeitig will man mehr Kleinwagen produzieren. Ernsthaften Überlegungen zufolge will GM den Astra in den USA bauen lassen. Ähnliche Ansätze gibt es für den neuen Insignia. Dabei kommt den Amerikanern der günstige Dollar-Kurs entgegen. Der macht die USA derzeit fast zum Billiglohn-Land. Der Aktienkurs, der im vergangenen Jahr auf weniger als die Hälfte des einstigen Wertes eingebrochen war und Ende Juni ein 53-Jahres-Tief erreichte, erholte sich seit Bekanntgabe der radikalen Maßnahmen deutlich. Zeitgleich mit der Weltpremiere des Insignia zog der Kurs noch mal um knapp zehn Prozent an.

Höchstens Hummer zum Verkauf

Dennoch rückt Bob Lutz von dem ehrgeizigen Ziel ab, 2010 wieder Gewinne machen zu wollen. "Wir würden dieses Ziel gerne erreichen, wissen aber nicht, ob es klappen wird", äussert sich der Manager eher zurückhaltend auf der London Motorshow, wo der Insignia Weltpremiere feierte. Eher untypisch für den anpackenden 76-jährigen Manager. Ein Verkauf einiger Marken, wie es auf dem Börsenparkett schon länger gefordert wird, schließt Lutz ebenso wie sein Chef, GM-Vorstand Rick Wagoner, aus. Selbst bei Hummer, dem Hersteller von klobigen Geländewagen, spricht er nur von einem "Vorschlag" an den Markt. Falls sich ein Interessent finde, sei man gesprächsbereit. Der dürfte allerdings schwer aufzutreiben sein, angesichts von Rekordspritpreisen und Klimadebatte.

Auch weitere Stellenstreichungen will der Manager, der in der Szene als eine Automobil-Ikone gilt, nicht aus. "Jedes Mal, wenn man Stellen streicht, hofft man, dass das die letzten sind. Aber man kann nie ausschließen, dass es noch weitere Verluste von Arbeitsplätzen gibt." Den US-Werken könnten also noch neue Kahlschläge bevorstehen, sollte der Konzern finanziell nicht bald auf die Beine kommen. Da hilft es auch wenig, dass man in der Kommunikation sehr offen mit dem Thema umgeht. GM versteckt sich nicht hinter Schönfärbereien oder allzu optimistischen Prognosen. Die Missstände werden offen angesprochen. Eine erfrischende Art der Öffentlichkeitsarbeit.

Problematischer Erfolg in Osteuropa

So liegt derzeit viel Hoffnung auf den europäischen Töchtern Opel und Vauxhall. Die erobern nämlich derzeit im Sturm auch die osteuropäischen Märkte. In Russland ist der Absatz um 390 Prozent gestiegen. Ähnlich gut läuft es in Polen, Tschechien und Ungarn. In Russland hat man allerdings das Problem enormer Importzölle. Etwa 2500 Euro an Zöllen müssen pro Modell bezahlt werden. Mit solchen Auflagen ist kaum Geld zu verdienen, weswegen Carl-Peter Forster neue, kleinere Fabriken dort bauen will. Damit wäre man einerseits frei von Zöllen und andererseits ein inländischer Hersteller, was sich positiv beim Image bemerkbar machen würde. Und selbst Saab will man im Verbund halten. Die Schweden kriseln ebenfalls seit geraumer Zeit und erwarten derzeit mit Spannung den Markterfolg des Schicksalsmodells 9.5.

Es wird noch ein langer Weg werden für das einstige Aushängeschild der amerikanischen Wirtschaft. Die Herausforderungen sind enorm und der Koloss steuert sich wie die Titanic kurz vor dem Eisberg. Ob der Kurswechsel gelingt wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Ansätze, wie das Elektroauto Volt und das konsequente Anpacken der problematischen Modellpalette zeugen von Handlungsfähigkeit. Das ist jedenfalls mehr als die US-Konkurrenz bisher zuwege gebracht hat gegen die gleichen Probleme. Falls das Umschwenken misslingt, könnten sich die Gerüchte um eine Insolvenz im schlimmsten Fall doch noch bewahrheiten, was einer Katastrophe für die ganze Branche gleichkäme.

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