Dienstag, 27. Januar 2009
Weißwein statt Champagner: Krise auch in Davos sichtbar
Schinken und Käse statt Hummer und Kaviar, Weißwein statt Champagner und weniger prunkvolle Abendveranstaltungen: Die weltweite Wirtschaftsflaute wird auch auf dem am Mittwoch beginnenden Weltwirtschaftsforum (WEF) im schweizerischen Davos sichtbar werden. Insgesamt 43 Staats- und Regierungschefs, so viele wie noch nie zuvor, diskutieren dort fünf Tage lang gemeinsam mit Wirtschaftsexperten, Bankern und Politikern über Auswege aus der weltweiten Finanzkrise. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird am Freitag nach Davos reisen und bei dem Treffen in der höchstgelegenen Stadt Europas eine Rede halten.
Das Forum steht unter dem Motto "Die Gestaltung der Welt nach der Krise". Doch laut Klaus Schwab, Gründer und Präsident der WEF-Stiftung befindet sich die Welt noch "mittendrin" in dieser Krise. Von den prominenten Gästen der Diskussionsrunde erhofft er sich, dass sie die Konturen einer internationalen Kooperation vorantreiben, die auch dem G-20-Gipfel im April zugute kommen soll. Neben den Ministerpräsidenten der aufstrebenden Schwellenländer Russland und China, Wladimir Putin und Wen Jiabao, haben sich unter anderem auch der britische Premierminister Gordon Brown und der japanische Regierungschef Taro Aso angekündigt.
Ansprüche heruntergeschraubt
Aus der neu aufgestellten US-Regierung reist kein hochrangiger Repräsentant nach Davos. Angesichts der Ausmaße der Krise in den USA sei es jedoch auch "nicht der richtige Zeitpunkt für sie, in Davos spazieren zu gehen", sagt Jean-Pierre Lehmann, Professor an der Wirtschaftsuniversität IMD in Lausanne. Er sei "sehr gespannt", sagt der Wirtschaftsexperte, "ob es in Davos Akte der Reue" geben werde. "Bei diesen vielen brillanten Köpfen - wie konnte es da passieren, dass uns die Wirtschaftskrise so überrascht hat?"
Trotz der rund 2500 erwarteten Teilnehmer und der hohen Zahl von Regierungsvertretern gehen die Veranstalter davon aus, dass die 39. Runde des Forums wesentlich sparsamer ausfallen wird als in den Vorjahren. Die weltweite Wirtschaftsflaute hat nicht nur die Ansprüche der Teilnehmer heruntergeschraubt - sondern sich auch auf ihre Geldbörsen ausgewirkt. So hat das Steigenberger Hotel in Davos beispielsweise seine Preise um 30 Prozent reduziert. Banken wie die Citigroup und Goldman Sachs sind eigentlich für die Organisation prunkvoller Soiréen in Davos bekannt. "Doch diesmal wird die Atmosphäre ganz anders sein", sagt Lehmann.
Kein Wunder erwartet
Auch eine Bank, die traditionell in den Restaurants des Central Sporthotel zwei Veranstaltungen organisiert, beschränkt sich in diesem Jahr auf eine einzige Party. "Sie laden genauso viele Gäste ein wie sonst auch - diesmal eben nur an einem Abend", sagt der Direktor des Sporthotels, Marc Demisch. Im Vergleich zu früheren WEF-Runden haben sich diesmal weniger Banker angekündigt - oft aus dem einfachen Grund, dass ihre Banken dem Tsunami der Finanzkrise zum Opfer gefallen sind.
Ein Wunder erwarten die Experten von den Diskussionsrunden nicht. "Es gab in Davos noch nie eine fundamentale Debatte über die bestehende Wirtschaftsideologie", sagt Lehmann. Letztlich müsse das Forum als das betrachtet werden, was es leisten könne, sagt ein anderer Wirtschaftsexperte: Als ein "Ort von Konferenzen", der Verantwortlichen die Möglichkeit bietet, sich an einem neutralen Ort zu treffen und zu diskutieren. Dass die Teilnehmer in einem ehemaligen Kurort für Tuberkulosekranke tagen, klingt vielversprechend. Ob sie der Ort zu einem Heilrezept für die krankende Weltwirtschaft animiert, ist hingegen offen.
Alexandra Troubnikoff, AFP

