Freitag, 21. März 2008
Goethe, hilf!: Massenflucht bei "Faust II"
"Goethe, hilf' bitte!" Dieser verzweifelte Ausruf eines Mannes aus dem Zuschauerraum spiegelte die Stimmungslage am Donnerstagabend zur Premiere von Goethes "Faust II" in Weimar wider. Etliche verließen den Saal bereits in der Pause.
Das Gros der Zuschauer im nicht ausverkauften Saal des Deutschen Nationaltheaters verfolgte verständnislos oder verärgert der Lesart des jungen Franzosen Laurent Chtouanes von der "Tragödie zweiter Teil". Pfiffe, Gelächter, Buhrufe, eine Massenflucht zur Pause von mehr als einhundert Gästen, aber auch zustimmende Jauchzer und Applaus nach fast fünf Stunden Theater-Marathon zeigten die Meinungspole zu dem Werk, in dem Mephisto Faust in die "große Welt" und quer durch die Geschichte führt.
"Das könnt ihr auf der Reeperbahn spielen"
Mit "Eine Beleidigung für Weimar" und "Das könnt ihr auf der Reeperbahn spielen" machten Besucher ihrem Ärger Luft. Kein anderes Stück der Klassiker wird in Weimar so mit Argusaugen bei jeder Neuinszenierung beobachtet wie Goethes "Faust". Das Stück ist vielen ein Heiligtum, das vor Angriffen oder gar Zerstörung geschützt werden muss. Nun drängen jedoch junge Regisseure, ohne Ängste und Vorbehalte vor dem großen Text auf die Bühne, um die Stücke für ihre Generation zu erschließen. Erst vor wenigen Wochen hatte der junge Tilmann Köhler seine Version von "Faust. Der Tragödie erster Teil" in dem Haus vorgestellt, in dem Goethe mehr als 20 Jahre lang das Sagen hatte. Köhlers "Faust" mit zwei Gretchen und dem Rollentausch von Faust und Mephisto spaltete ebenfalls das Publikum.
"Faust. Der Tragödie Zweiter Teil", der nach Goethes Willen erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde, gilt wegen der Fülle an mythologischen, kultur- und zeitgeschichtlichen Bezügen als große Aufgabe und schwer spielbar. Bei Chtouane - bekannt wegen seiner eigenwilligen Auslegung klassischer Texte - gibt es keine Rollenverteilung. Jeder der fünf, zumeist jungen Schauspieler und der drei Tänzer ist zugleich Faust, Mephisto, Helena, Homunculus oder Euphorium, das gemeinsame Kind von Faust und Helena, das für die Verbindung der Antike und der deutschen Klassik steht.
"Riesendelirium"
Chtouane sagte vorab, er habe den Text im Sinne Goethes zuerst als "Versfabrik", als "poetische Maschine" begriffen. Das sei eine große Befreiung gewesen. Er "konnte problemlos über unbekannte Gestalten springen, ohne zu stolpern." Sein Rat an die Zuschauer: "Vergessen Sie das Lexikon zuerst. Steigen Sie in den Rausch hinein." Und "lesen Sie den Text wie ein Riesendelirium von einem Autor, der immer etwas begehrt." Er baut auf Textkenntnis und Fantasie des Publikums.
Aus dem Alterswerk Goethes hat der 1973 geborene Chtouane "Textinseln" herausgegriffen. In einem kargen Bühnenbild "bauen" die Akteure Bewegungen und rhythmische Bilder, die oftmals keinen sichtbaren Bezug zu Goethes Text haben und so das Verständnis noch mehr erschweren. Ratlosigkeit vor allem beim zweiten Akt unter anderem mit Laboratorium und der klassischen Walpurgisnacht, in dem nur die Tänzer agieren und sprechen und mit ihrer Körperlichkeit und teilweisen Nacktheit die Zuschauer bis an die Grenzen herausfordern.
Starke Szenen gelingen dem Regisseur unter anderem am Schluss des Stückes. Faust, mittlerweile hundert Jahre alt und blind, hält die lärmenden Lemuren, die sein Grab schaufeln, für seine Arbeiter beim Deichbau zur Landgewinnung: Mit Hacken und Spaten arbeiten sich die vier Schauspieler rhythmisch klopfend über den Bühnenboden.
Goethes "Faust" und Ostern gehörten jahrzehntelang in Weimar zusammen. An diesem Wochenende nun können Einheimische und Touristen nach mehreren Jahren Pause gleich beide Teile erleben: "Faust I" am Ostersonntag, "Faust II" am Montag.
Von Antje Lauschner, dpa

