Donnerstag, 16. Juni 2005
Europäische Großprojekte: Milliardenmarkt Drohnen
Für die französischen Truppen in der Elfenbeinküste war es ein Schock: Regierungsflugzeuge bombardierten im November 2004 mit tödlicher Präzision ihre Stellung an der Demarkationslinie zum Rebellengebiet. Zuvor war das Lager von Drohnen israelischer Bauart ausspioniert worden. Der Einsatz unbemannter Flugkörper - seit dem Vietnamkrieg keine Science Fiction mehr - wird auch für Entwicklungsländer erschwinglich. Der Weltmarkt setzt zum Boom an. 300 bis 400 Projekte gibt es in der Welt. Die USA stellen drei Viertel; danach kommen Israel und die Europäer.
In Paris-Le Bourget wurde eine eigene "Messe in der Messe" für Drohnen mit 130 Ausstellern eingerichtet. Zu sehen sind Projekte und Produkte mit Spannweiten einer Libelle bis zu der eines Airbus A320. EADS zeigt unter anderem den acht Kilo leichten Mini-Aufklärer Tracker, der von Hand gestartet wird. Rheinmetall Defense Electronics präsentiert Tares, der im Umkreis von 2000 Quadratkilometern Kommandoposten oder Panzer bekämpfen soll.
Präsident Jacques Chirac legte die Messlatte für die Europäer hoch und enthüllte das Modell der "nEUROn": Die von Dassault gebaute Tarnkappen-Kampfdrohne aus Verbundwerkstoff ist so groß wie eine Mirage-2000. nEUROn soll 2010 erstmals fliegen und im Gefechtsfeld autonom agieren können. Doch soll sie nie eine Lenkwaffe abfeuern: Frankreich will mit dem 400-Mio.-Euro-"Demonstrator" nur sicherstellen, dass die Europäer technologisch auch noch 2015 mithalten können. Alenia (Italien), Saab (Schweden), HIA (Griechenland), RUAG (Schweiz) und EADS-CASA (Spanien) beteiligen sich zur Hälfte an den Kosten.
Zum Einsatz bestimmt ist das zweite europäische Großprojekt EuroMALE. Von den 300 Mio. Euro Kosten tragen EADS 100 Mio. und Frankreich 75 Mio. EuroMALE (MALE steht für "mittlere Flughöhe, große Flugdauer") hat 26 Meter Spannweite und kann 450 Kilogramm Waffen oder elektronisches Gerät tragen. Die Drohne soll 24 Stunden lang in 15 Kilometern Höhe einsetzbar sein. Sie tritt gegen den Predator von General Atomics an, der im Irak medienwirksame Einsätze hatte. An EuroMALE basteln auch Spanier und Italiener, Finnen und Schweden.
Wird der Joint Strike Fighter das letzte Kampfflugzeug mit Piloten? "Das ist sehr wahrscheinlich", sagte ein US-Offizier am Boeing-Stand der dpa. "Es wird neben Drohnen immer Flugzeuge mit Piloten geben", hält Dassault dagegen. Doch in einem sind sich die Experten einig: Ab 2015 werden jährlich Drohnen für bis zu fünf Mrd. Dollar verkauft werden.
Auch der zivile Markt für Grenz- und Küstenschutz, Überwachung von Großveranstaltungen und Brandbekämpfung springt an. Rheinmetall Defence hat extra das Geschäftsfeld Homeland Security eingerichtet und bewirbt sich um Aufträge zur Sicherung der EU-Grenzen. "Zunächst müssen wir aber die rechtlichen Grundlagen wie die Zertifizierung für den zivilen Luftraum schaffen", sagt Manfred Lehnigk vom Drohnenvertrieb bei Rheinmetall.
Den Takt am Markt geben die USA vor: Washington erhöhte die Ausgaben für Drohnen nach den Anschlägen 2001 auf das World Trade Center von 250 Mio.auf mehrere Mrd. Dollar jährlich. Das schafft Perspektiven selbst für die MPUV von Lockheed Martin. Die Faltflügel-Drohne soll von getauchten Atom-U-Booten aus gestartet werden. Nach einem Einsatz im 1300-Kilometer-Radius soll sie wassern und von einem Seeroboter wieder zum U-Boot gebracht werden. Von solchen Riesenprojekte ist Europa weit entfernt.
"In einigen taktischen Bereichen wie Radartarnung sind wir besser als die Amerikaner", sagt Lehnigk. Doch es fehlten die Stückzahlen. "Wir brauchen eine echte Nachfrage der Streitkräfte", fügt Grard Lepeuple vom französischen Rüstungskonzern SAFRAN hinzu. Doch über Rüstung entscheidet im EU-Europa immer noch jeder für sich.
von Hans-Hermann Nikolei, dpa

