Mittwoch, 24. September 2003
Islamische Lebenswege
Mohammeds deutsche Töchter
Die 24 Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein. Da sind z.B. die Rechtsanwältin Maria, in Deutschland geborene Tochter eines muslimischen Marokkaners und einer christlichen Kroatien und die Hausfrau Shabia, die in Tunesien geborene Mutter von sechs Kindern. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Maria und Shabia und den 22 anderen muslimischen Frauen, deren Biographien sich in dem Buch „Mohammeds deutsche Töchter“ finden.
Alle 24 Frauen leben in Deutschland und müssen mit der Dualität ihrer islamischen Erziehung und der deutschen Gesellschaft zurechtkommen. Aufgezeichnet und zusammengestellt hat diese Porträts Dr. Hiltrud Schröter von der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe Universität. Es ist Schröters drittes Buch über interkulturelles, muslimisches Leben in Deutschland. Für ihr Buch „Arabesken. Studien im deutsch-marokkanischen Kontext“ wurde sie 1998 mit dem Elisabeth-Selbert-Preis des Landes Hessen ausgezeichnet.
Frauen aus verschiedenen Ländern
In ihrem aktuellen Buch „Mohammeds deutsche Töchter“ beschränkt sich Schröter nun nicht mehr nur auf ein islamisches Land. Sie erzählt Geschichten von Frauen aus Afghanistan, Pakistan, Marokko, Tunesien, der Türkei und dem Iran. Von besonderen Interesse sind für Schröter dabei die Berührungspunkte in denen die muslimischen Frauen mit der deutschen Gesellschaft konfrontiert werden. Dabei versucht sie anhand der Einzelschicksale die Bildungs- und Transformationsprozesse zu rekonstruieren und so allgemeine Strukturen und Veränderungsprozesse aufzuzeigen.
In drei Gruppen hat Schröter die interviewten Frauen aufgeteilt: Mütter, Berufstätige und Studentinnen/ Schülerinnen. Sie stellt Fragen nach Herkunft und Vergangenheit, Erziehung, Religion und Sexualität. Oft lässt sie die Frauen einfach erzählen, unterbricht nur wo nötig und liefert am Ende jedes Gespräches eine direkte Interpretation. Immer wieder wird deutlich, wie schwierig das simultane Leben in zwei unterschiedlichen Kulturen sein kann.
Unterschiede zwischen Frauen und Männern
Deutlich werden auch die Unterschiede zwischen muslimischen Männern und Frauen. Die Tochter eines muslimischen Vaters ist automatisch Muslimin, die Religion der Mutter spielt keine Rolle. So kommt es, dass Maria, deren Mutter eine katholische Kroatin ist durch die Religion ihres marokkanischen Vaters zur Muslimin wird und es ihr nach islamischen Recht verboten ist aus dieser Glaubensgemeinsachaft auszutreten. Als Muslimin ist es ihr dabei ebenfalls untersagt, Andersgläubige zu heiraten. Für die muslimischen Mädchen kollidieren diese Verbote mit den Grundsätzen der Freiheit und der Gleichberechtigung, zu denen sie in deutschen Schulen erzogen werden. Der innere Konflikt ist vorbestimmt.
Muslimische Frauen und die Verschleierung
Passend zur aktuellen Klage der eingebürgerten Afghanin Fereshta Ludin vor dem Bundesverfassungsgericht, als Lehrerin ein Kopftuch tragen zu dürfen, bietet Schröter im zweiten Teil des Buches eine Untersuchung der betreffenden Koranstelle 33:59. Sie untersucht zehn verschiedene Übersetzungen und kommt zu dem Schluss, dass die Bekleidungsvorschrift für Frauen im Koran weder zu den fünf Pflichten der Muslime gehört, noch eine religiöse Notwendigkeit ist.
Die Verschleierung sei eine archaische Konvention zum Erhalt der Sittlichkeit, die im 7. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel eingeführt wurde. Sie sollte die Frauen vor den triebhaften Männern und die Männer vor ihren eigenen unkontrollierbaren Trieben bewahren. Im Deutschland des 21. Jahrhunderts, so Schröter, gäbe es aber Gesetze zum Schutz der Frauen. Eine Verschleierung oder das Tragen eines Kopftuches seien somit nicht mehr notwendig. Die Autorin machte in ihrer Untersuchung die Erfahrung, dass je radikaler eine islamische Religionsgemeinschaft sei, umso konsequenter propagiere sie auch in Deutschland das Tragen des Kopftuches.
Die Frauen modifizieren ihr Verhalten
Schröter dokumentiert in ihrem Buch sowohl verschiedene Lebenswege, als auch die Wünsche, Träume und Ängste muslimischer Frauen. Der Einblick in den Alltag dieser Frauen ist dabei oft ein Einblick in eine schleichende Veränderung von Grundsätzen. Auf den Ebenen des Handelns, des Denkens, der Moral und der Religion verlangt ein Leben in Deutschland von den Frauen ein modifiziertes Verhalten. Dabei stellte die Autorin bei dem Großteil der Frauen eine lebhafte Auseinandersetzung mit der Geschlechterzuweisungen des Koran fest. „Mohammeds deutsche Töchter“ liefert somit einen umfassenden und interessanten Einblick in die Welt muslimischer Frauen in Deutschland. Die aufgezeichneten Gespräche zeigen, dass die Mehrheit der Frauen auf dem Weg in ein selbstbestimmteres Leben ist. Nur eine Minderheit orientiert sich weiterhin strikt an den Vorschriften des Koran. Laut Schröter fühlen sich diese Frauen in Deutschland ausgegrenzt, flüchten in die Gemeinschaft der Moschee und tendieren somit zur Radikalisierung.
Jan Op Gen Oorth
Hiltrud Schröter: Mohammeds deutsche Töchter. Ulrike Helmer Verlag, 295 Seiten, 20.00 Euro
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