Donnerstag, 04. Januar 2007
Geiz ist nicht mehr geil: Neuer Trend "Sinnkonsum"
Der Werbespruch "Geiz ist geil" galt lange Zeit als Maßstab des Konsums in Deutschland und dient häufig als Sinnbild des Zeitgeistes. Doch nach Ansicht einiger Experten hat sich dieser Trend größtenteils überlebt. "Sinnkonsum", Service, Tradition und sogar eine neue Lust am Luxus rücken stattdessen stärker in den Blick der Verbraucher. So wird auch das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen beim Einkauf zunehmend honoriert.
"Der "Geiz ist geil"-Trend wird nie ganz verschwinden", räumt Trendforscher Andreas Steinle vom Zukunftsinstitut in Kelkheim bei Frankfurt ein. "Im Land der Pfennigfuchser spielt der Preis immer eine Rolle, verliert aber an Bedeutung." Stattdessen sei derzeit ein deutlicher Trend zu "Sinnkonsum" zu beobachten. Dabei beeinflussen etwa moralische Überlegungen den Einkauf. "Die Verbraucher fragen wieder verstärkt: Wo kommen die Waren her?", resümiert Steinle. Ein deutliches Zeichen dafür sei, dass etwa Bioprodukte aus der Öko-Nische in die Supermarkt-Regale gewandert seien.
Viele Verbraucher suchen offenbar im Überfluss von Angeboten verstärkt nach Orientierung. Da sich Waren und Dienstleistungen kaum unterscheiden, achteten sie zunehmend auch auf das soziale und gesellschaftliche Engagement der Hersteller, sagt Ulrich Tillmanns von der Werbeagentur Tillmanns, Ogilvy & Mather. Etwa vier von fünf Konsumenten berücksichtigten das soziale Verhalten der Unternehmen beim Einkauf. Und zunehmend seien die Verbraucher bereit, dafür einen Aufpreis zu zahlen.
Die Rabattschlachten des Einzelhandels haben viele Experten seit langem kritisch beäugt. Damit habe sich der Handel die Verbraucher zu Schnäppchenjägern erzogen, meint Thomas Harms, Konsumgüterexperte bei der Unternehmensberatung Ernst & Young. Zugleich sei zu wenig in Marken investiert worden. Beim Konsum gebe es derzeit eine gestiegene Suche nach Sinnstiftung und damit einen Trend zum Luxus. "Dabei spielt das Gefühl, etwas Besonderes zu haben, eine große Rolle", erklärt Harms. "Auf den Preis kommt es gar nicht so sehr an." Zugleich knauserten die Verbraucher dafür an anderen Waren, so dass es zu einer starken Zweiteilung zwischen Luxus und Discount komme.
"In unserer Überflussgesellschaft wird die Sehnsucht nach Einzelstücken immer stärker", sagt Trendforscher Steinle. So steigen etwa handgemachte und limitierte Waren in der Gunst der Verbraucher, ebenso wie traditionsreiche Produkte. Und auch dem Genuss geben sich die Deutschen wieder stärker hin, etwa bei edlen Kaffees und Schokoladen. Mit ausgefeilten Service-Konzepten können die Händler ebenfalls punkten. "Da liegt ein gigantisches Potenzial. Die Leute brauchen Service und das in allen Bereichen", analysiert Steinle. Denn nach Ansicht vieler Verbraucher ist ihr Zeitbudget deutlich knapper geworden und mehr Service verspricht Entlastung.
Statt auf Schnäppchenjagd begeben sich die Deutschen nach Ansicht von Steinle zunehmend auf eine Shoppingtour ohne Kaufabsicht. "Es geht vielmehr darum, sich inspirieren zu lassen", sagt der Trendforscher. So erfreuten sich etwa "Concept-Stores" zunehmender Beliebtheit. Sie stellen nicht eine bestimmte Warengruppe in den Mittelpunkt ihres Sortiments sondern orientieren ihre Waren an einem bestimmten Lebensstil, einer speziellen Ästhetik. Dies komme dem Wunsch vieler Konsumenten nach einer größeren Übersichtlichkeit des Sortiments entgegen.
von Andreas Hummel, dpa



