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Donnerstag, 07. Oktober 2004

Sprachliche Leidenschaft: Nobelpreis für Elfriede Jelinek

Die Österreicherin Elfriede Jelinek wird mit dem Literaturnobelpreis 2004 ausgezeichnet. Das teilte das Nobelpreis-Komitee am Donnerstag in Stockholm mit. Die seit 1901 verliehene Ehrung ging bisher erst neun Mal an Frauen, zuletzt 1996 an die polnische Dichterin Wislawa Szymborska.

Jelinek habe den Preis "für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen", hieß es zur Begründung.

Die 57-Jährige ist die erste deutschsprachige Trägerin des Literatur-Nobelpreises nach der Lyrikerin Nelly Sachs 1966. Seit der ersten Vergabe haben insgesamt zehn Frauen und 89 Männer die wichtigste literarische Auszeichnung der Welt erhalten.

Jelinek sagte im schwedischen Rundfunk, die Verleihung des Nobelpreises sei eine "überraschende und große Ehre". Sie werde aber zur Verleihung der Auszeichnung am 10. Dezember wegen Krankheit nicht nach Stockholm kommen. "Ich kann mich im Moment Menschen nicht aussetzen", erklärte die Autorin. Die 1946 in der Steiermark Geborene sagte, sie betrachte den Nobelpreis nicht "als Blume im Knopfloch für Österreich".

Rowohlt-Verleger Alexander Fest zeigte sich auf der Frankfurter Buchmesse erfreut über die Auszeichnung für seine Autorin. Sie sei eine Schriftstellerin "von einer unerhörten Eigenart mit großem Mut und großer Schonungslosigkeit gegenüber ihren Themen und sich selbst". Fest: "Sie hat es verdient."

Breite Aufmerksamkeit hatte Jelinek, die sich auch als Lyrikerin und Dramatikerin einen Namen gemacht hat, bereits mit ihrem Romandebüt "wir sind lockvögel, baby" im Jahr 1970 erregt. Die "Süddeutsche Zeitung" bezeichnete sie einmal als "die kälteste und erbarmungsloseste Moralistin, die Österreich je gegen sich aufgebracht hat". Sie wüte wortmächtig gegen "die allgegenwärtigen männlichen Herrschafts- und Gewaltverhältnisse".

Als ihr Hauptwerk hatte Jelinek den Anfang 1995 vollendeten Roman "Die Kinder der Toten" bezeichnet, den sie selbst als "eine Gespenstergeschichte zur österreichischen Identität" umschrieben hatte. Der "Rheinische Merkur" bescheinigte dem Buch damals: "Was hier an Wortwitz und feiner Beobachtung aus den Sargdeckeln hervorkullert, ist so pechschwarz, entlarvend böse und treffsicher geschrieben, wie man es lange nicht mehr zu lesen bekam." Zu Jelineks Werken zählen auch die Romane "Die Klavierspielerin" (1983) und "Lust" (1989) sowie die drei Dramen "In den Alpen" (2002).

Im vergangenen Jahr hatte die Schwedische Akademie den Südafrikaner John M. Coetzee ausgezeichnet. Letzter deutscher Preisträger war 1999 der bei Lübeck lebende Günter Grass.

Die Nobelpreise sind mit jeweils umgerechnet 1,1 Millionen Euro (10 Millionen Kronen) dotiert. Sie werden traditionsgemäß am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896) überreicht.

Quelle: n-tv.de