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Der Transrapid ist bereits ein deutsch-chinesisches Projekt.

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Montag, 13. August 2007

China interkulturell verstehen: Patentklau und böse Zahlen

Linn Warzelhan mit ICUnet-Gründer Dr. Fritz Audebert (links) und dem Vorstandskollegen Jürgen Eckel

Linn Warzelhan mit ICUnet-Gründer Dr. Fritz Audebert (links) und dem Vorstandskollegen Jürgen Eckel

China ist uns nicht nur geografisch fern, sondern in vielerlei Hinsicht auch kulturell sehr fremd. Das führt zu Missverständnissen und Vorurteilen. Mit Problemen interkultureller Art in deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen beschäftigt sich Linn Warzelhan. Als Vorstandsmitglied der ICUnet.AG in Passau bereitet sie Kunden auf ihr Arbeitsumfeld im Ausland vor. Sie selbst hat zwei Jahre in der Volksrepublik gelebt und gearbeitet und spricht neben Englisch, Französisch und Indonesisch auch Mandarin.

Warum brauchen Geschäftsleute eine interkulturelle Beratung?

In einer globalisierten Welt ist es an der Tagesordnung, mit Kollegen in der ganzen Welt zusammen zu arbeiten. Dann stellt sich die Frage, wie baue ich Vertrauen auf, wie führe ich Verhandlungen, wie laufen Geschäftsprozesse? Es gibt Fälle, in denen Geschäftsabschlüsse oder Fusionen daran gescheitert sind, dass sich die Partner nicht verstanden haben oder Misstrauen herrschte, weil der kulturelle Hintergrund nicht klar war. Das führt dann zu großen wirtschaftlichen Verlusten.

Worin liegen die interkulturellen Schwierigkeiten zwischen Chinesen und Deutschen konkret?

Es herrscht eine große Unsicherheit, wenn es darum geht, die andere Seite einzuschätzen. In Deutschland ist es ein großer Wert, offen und ehrlich zu kommunizieren. Wir sagen, wenn uns etwas nicht gefällt, wenn wir an einem Produkt nicht interessiert sind, oder wenn wir keine Möglichkeiten zur Zusammenarbeit sehen. Chinesen würden einem das nicht so deutlich sagen, sondern Konflikte eher indirekt andeuten. Es fällt Deutschen darum schwer, die Situation zu interpretieren. Oft sind auch die Netzwerke und Verbindungen auf chinesischer Seite nur schwer durchschaubar. Wenn es beispielsweise noch einen Zulieferer XY gibt, auf den der Partner nicht verzichten will, weil da vielleicht irgendwelche Familienbande bestehen. Oft sind auch Akteure von staatlichen Behörden an den Gesprächen beteiligt und müssen entsprechend gewürdigt werden.

Gibt es kulturelle Codes, die wir aus westlicher Sicht nicht kennen?

Farben haben beispielsweise eine wichtige Bedeutung. Rot, Orange oder Gelb haben eine positive Konnotation. Geschenke sollten darum besser in solch bunten Farben eingepackt werden, wohingegen ein schlichtes Weiß, Schwarz oder Blau mit Trauer und Tod assoziiert werden. Außerdem wird auch großer Wert auf Zahlen gelegt. Weil "vier" auf Chinesisch ähnlich klingt wie "Tod", ist die Zahl negativ konnotiert. Acht und Neun haben dagegen eine positive Konnotation. Wenn ich also eine Konferenz in Raum Nummer 88 abhalte, ist das schon ein gutes Zeichen.

China wird aus westlicher Perspektive oft als bedrohliche Wirtschaftsmacht oder als unberechenbar wahrgenommen. Hängt unser negatives Bild von China damit zusammen, dass wir das Reich der Mitte nicht verstehen?

Das China-Bild der westlichen Welt war schon immer ambivalent. Schon seit dem späten Mittelalter bewundert man China als Vorbild. Auf der anderen Seite wird es dann wieder als Bedrohung wahrgenommen, weil man aus unserem kulturellen Verständnis heraus, Vieles nicht nachvollziehen kann. Ein Beispiel ist das Problem Patentklau.

Wo liegt hier das kulturelle Missverständnis?

Selbstverständlich hat die Missachtung des Patentrechts ganz handfeste ökonomische Auswirkungen. Unternehmen machen Verluste, wenn ihre Produkte kopiert werden, und verlieren Marktanteile. Oder sie haben Imageprobleme, wenn schlecht kopierte Produkte auf dem Markt unter ihrem Namen lanciert werden. Andererseits wird diese reale Bedrohung aber auch durch eine westliche Brille gesehen. Wir betrachten Innovation als einen Wert und Kopieren als Ideenklau. Umgekehrt hat in China das Kopieren aber eine positive Konnotation. Hier ist das Ziel, das Vorbild oder den Meister perfekt zu imitieren und erst dann eigene Innovationen hervorzubringen. Allein das Erlernen der chinesischen Sprache ist damit verbunden, dass man ihre Zeichen wahnsinnig genau kopieren und wiederholen muss, um sie zu verinnerlichen.

Ein unlösbares Problem?

Das Thema ist nicht neu. Es kam schon in den 70er Jahren in Bezug auf Japan auf, als es hieß, da wird nur kopiert. Aber dann haben wir uns umgeschaut, als die Japaner mit hochinnovativen Produkten auf den Markt kamen. China entwickelt inzwischen ein eigenes Interesse am Patentschutz, da auch chinesische Unternehmen untereinander ihre Produkte kopieren und sich damit gegenseitig schaden. China weiß, dass es auf diesem Gebiet in der Weltwirtschaft noch Vertrauen gewinnen muss und die internationalen Standards befolgen muss, die ja die WTO auch einfordert. Aber die umfassende Umsetzung eines Patentrechts ist in einem so großen Land natürlich nicht einfach.

Steht ein Patentrecht damit nicht im Gegensatz zur positiven Konnotation des Kopierens und Imitierens in China?

Das Wort "Gegensatz" ist ein sehr westlicher Begriff. Chinesen denken daoistisch nach dem Prinzip "sowohl als auch". Das eine muss das andere nicht ausschließen. Auch die Frage "ist China jetzt kommunistisch oder kapitalistisch?" stellt sich aus chinesischer Perspektive nicht. Bei uns sind Dinge schwarz oder weiß, "entweder oder". "Sowohl als auch" löst bei uns Unsicherheit aus. Deng Xiaoping hat einmal gesagt, es ist egal ob eine Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache, sie fängt Mäuse. Das drückt eigentlich sehr schön das chinesische Denken und den Pragmatismus aus. Das Ziel, Wirtschaftswachstum und Wohlstand für das gesamte chinesische Volk zu erlangen, steht im Vordergrund. Und wie lässt sich das erreichen? So wie Mao es versucht hat, wurde es nicht erreicht, also versucht man es seit Ende der 70er Jahre mit Sonderwirtschaftszonen und Marktöffnung. In Sachen Patentrecht hat China darum ein Interesse daran, sich den Regeln des Weltmarktes anzupassen, um mitspielen zu können.

Wie steht es mit anderen Klischees? Schnappt uns China die Rohstoffe, Ressourcen oder unsere Milch weg?

Über die Milchdiskussion muss ich ganz ehrlich schmunzeln. Man könnte schließlich auch eine andere Perspektive einnehmen und sich freuen, dass die Chinesen Geschmack an Milch gefunden haben und die Nachfrage nach Milchprodukten steigt. Bisher gab es hier für Kuhmilch so gut wie keinen Markt, weil in China Sojamilch getrunken wird, weil dort keine Kühe gehalten werden und weil den Chinesen scheinbar ein Enzym zum Laktoseabbau fehlt. Insofern kann sich Deutschland doch freuen, neue Märkte für unsere Produkte zu erschließen.

Was können Deutsche von Chinesen lernen?

Sicherlich den großen Optimismus und Pragmatismus, diese ungeheuere Dynamik, die China derzeit vorwärts treibt.

Haben die Chinesen auch ein Interesse an Annährungen zwischen den Kulturen?

Das Interesse am Westen ist durchaus da, auch eine große Neugier. Aber diese Frage taucht übrigens auch immer wieder in den Trainings auf, nämlich: Müssen wir uns eigentlich immer „anpassen“ oder gehen die anderen auch einen Schritt auf uns zu? Der Markt an interkulturellen Vorbereitungstrainings ist aber in China erst wenig etabliert. Vielleicht spielt da im Reich der Mitte doch auch der Stolz eine Rolle.

Anlässlich der Olympiade 2008 wird die chinesische Bevölkerung auf westliche Normen getrimmt. Gibt es einen Trend zur Verwestlichung?

Verwestlichung an der Oberfläche passiert durchaus. Chinesen finden es beispielsweise immer schicker mit Messer und Gabel zu essen, Weihnachtsbäume werden aufgestellt und obwohl Weiß keine positiv konnotierte Farbe ist, wird inzwischen auch im weißen Hochzeitskleid geheiratet. Aber Kultur ist ja wie ein Eisberg und oft gehen neue, westliche Moden oder Einflüsse nicht tief. Schon Mao hat vergeblich versucht mit den Jahrtausende alten chinesischen Werten und Traditionen wie dem Konfuzianismus zu brechen.

Mit Linn Warzelhan sprach Nona Schulte-Römer

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