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"Der Mann am Klavier": Paul Kuhn wird 80

Der "Mann am Klavier" war zunächst nicht sein Bier, und er wollte ihn erst gar nicht spielen. Dennoch wurde das Stück der erste große Hit von Paul Kuhn. Die Swinglegende wird am 12. März 80 Jahre alt.

Und obwohl der Entertainer und Jazzmusiker bis vor kurzem noch mit einer heimtückischen Gürtelrose im Krankenhaus lag, startet er an diesem Freitag in Oberkochen in Baden-Württemberg seine Geburtstagstournee "Paul Kuhn 80 - As time goes by". An seinem Ehrentag wird der Wahl-Schweizer, der mit seiner dritten Frau Ute in Lenzerheide (Kanton Graubünden) lebt, dann mit seiner Allstar- Formation The Best und dem legendären Filmorchester Babelsberg in seiner Heimatstadt Wiesbaden auf der Bühne stehen.

Selbst im Krankenhaus konnte Kuhn nicht die Finger vom Klavier lassen. Im Essener Klinikum hatte er ein E-Piano im Zimmer und spielte stundenlang - zur Freude der Krankenschwestern. Obwohl das Bier auch in seinem zweiten großen Hit, dem Stimmungslied "Es gibt kein Bier auf Hawaii", eine Rolle spielte, will er bei der Geburtstagsfeier lieber mit Champagner oder Rotwein anstoßen, wie er im ARD-Morgenmagazin erzählte.

Auf seinen ersten Hit hatte Kuhn zunächst gar keine Lust. "Geben sie dem Mann am Klavier noch ein Bier" war ihm wohl etwas zu flach, sah er sich doch eher als Jazzer, der bis dato zumeist amerikanische Texte zum Besten gegeben hatte. Doch gerade seine etwas genervte Interpretation schlug beim Publikum ein. Den Swing, den er sich heimlich während der Nazi-Zeit über ausländische Sender, etwa bei Glenn Miller, abgehört hatte, entwickelte er weiter und brachte ihn später selbst als Dirigent der Big Band des Senders Freies Berlin (SFB) in die eher biedere deutsche Fernsehunterhaltung ein.

"Paulchen", wie Kuhn schon als Junge genannt wurde, zeigte früh herausragendes musikalisches Talent. Als Achtjähriger trat er 1936 mit dem Akkordeon bei der Berliner Funkausstellung auf. Dann nahm er Klavierunterricht, doch die Lehrerin hielt ihn eher für einen mäßigen Pianisten. Ende der 30er Jahre ging Kuhn auf ein Frankfurter Internat mit musischem Schwerpunkt. Später studierte er am Wiesbadener Konservatorium. Seine Eltern wollten einen Konzertpianisten aus ihm machen. "Das ist ihnen misslungen", sagt Paul Kuhn.

Nach dem "Mann am Klavier" ging es steil nach oben. Paul Kuhn war gefragt, nicht nur als Musiker: In seinen Shows wie "Hallo Paulchen" und "Pauls Party" zeigte er sein Unterhaltungstalent. 1968 übernahm er die Leitung der Big Band beim Sender Freies Berlin (SFB), mit der er international Erfolge feierte. 1971 erhielt Kuhn die Goldene Kamera, 1976 den Deutschen Schallplattenpreis. Der Rückschlag kam 1980. Damals wurde sein SFB-Vertrag aus Kostengründen nicht verlängert, auch sein Plattenvertrag lief aus. Kuhn rappelte sich aber wieder auf. Mit einem kleineren Orchester spielte er unter anderem für Peter Alexander und Heinz Schenk.

1994 dann ein Tiefpunkt: Paul Kuhn wurde wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Nun will der Entertainer mit dem "zerknautschten" Gesicht den Spieß umdrehen. Angesichts der aktuellen Steuerdiskussion hat er kürzlich via "Bild"-Zeitung angekündigt, die Bundesrepublik auf mehrere Millionen Euro zu verklagen. Sein Steuerprozess solle wieder aufgerollt werden. "Nicht wir haben das Finanzamt betrogen, sondern das Finanzamt Bergisch Gladbach hat uns betrogen. 2,5 Millionen (Mark) wollten die haben. Das kann ein einzelner Mensch mit ein bisschen Singen und Schreiben gar nicht verdienen", sagte er.

Ein bisschen mehr Singen und Schreiben war es wohl doch, denn Kuhn arbeitete auch als Arrangeur und war unter anderem Komponist des Musicals "Fanny Hill", das 1972 uraufgeführt wurde. Anfang 2000 kehrte er dann zum Jazz zurück. Er trat mit einem Trio auf einer Jazz-Kreuzfahrt auf und war mit der SWR Big Band beim ZDF- "Fernsehgarten" zu sehen. Bei der Trauerfeier für Harald Juhnke am 9. April 2005 spielte Kuhn seinem Freund noch einmal dessen Lieblingslied - Frank Sinatras "My Way".

Im selben Jahr musste sich Kuhn einer schweren Herzoperation unterziehen, er bekam drei Bypässe und eine neue Herzklappe. Sein Ziel, so schnell wie möglich wieder hinter dem Klavier zu sitzen, half ihm auf die Beine. Und seitdem tingelt er mit den Swing-Legenden Max Greger (81) und Hugo Strasser (85). Vieles von dem, was er früher machte, habe mit Jazz "herzlich wenig" zu tun gehabt, sagte Kuhn. "Erst heute spiele ich das, was ich eigentlich möchte."

Quelle: n-tv.de