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Freitag, 27. Dezember 2002

Con Coughlins Saddam-Biographie: Porträt eines Diktators

Es ist die Geschichte eines unaufhaltsamen Aufstiegs: Ein Halbwaise aus ärmlichsten Verhältnissen macht seinen Weg, über alle sozialen Hürden hinweg, bis er schließlich Präsident eines der erdölreichsten Länder der Welt wird und sein Name in aller Munde ist. Was wie die Verwirklichung des amerikanischen Traums schlechthin klingt, hat allerdings einen Haken: Bei dem Präsidenten handelt es sich um Saddam Hussein.

Rechtzeitig zur Zuspitzung der Irak-Krise hat der britische Journalist Con Coughlin eine Biographie vorgelegt: "Saddam Hussein. Porträt eines Diktators". Der langjährige Nahost-Korrespondent beschreibt dabei gleich zu Anfang das Dilemma, vor dem er bei der Arbeit stand: "Eine Biographie Saddam Husseins zu schreiben kommt dem Versuch gleich, Beweise gegen einen berüchtigten Schwerverbrecher zu sammeln. Die meisten wichtigen Zeugen sind entweder ermordet worden oder wagen nicht zu sprechen."

Dennoch gelang es Coughlin, etliche Zeugen zum Sprechen zu bringen und so eine sehr genaue und lebendige Beschreibung von Leben und Wirken des Diktators zu verfassen. Den Schlüssel zu Saddams Machtstreben sieht der Autor dabei in dessen Kindheit angelegt, "die Scham wegen seiner ärmlichen Herkunft wurde zur Triebfeder seines Ehrgeizes". Das damals entwickelte tief sitzende Gefühl der Unsicherheit sollte ihn später beinahe krankhaft argwöhnisch machen.

Saddam, was zu deutsch heißt "der, der dagegen ist", wuchs in einem ärmlichen Dorf nahe der Stadt Tikrit auf. Sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt, wie jedes Dorfkind wurde es amtlich auf den 1. Juli festgelegt, doch auch die Jahresangaben schwanken zwischen den Jahren 1935 und 1939. Sein Vater starb früh, sein Stiefvater zeichnete sich durch äußerste Brutalität ihm gegenüber aus. Am besten erging es dem Halbwaisen noch bei seinem Onkel, einem begeisterten Nazi-Anhänger und Antisemiten, der ihn zeitweise in seine Obhut nahm und ihm seine tiefsitzende Fremdenfeindlichkeit übertrug.

Stalin-Verehrer und Mann fürs Grobe

Schon früh, 1957, soll Saddam Hussein in die Baath-Partei eingetreten sein, in der er dann mehr und mehr zum Mann fürs Grobe wurde. Sehr bald pflasterten die ersten Leichen seinen Weg nach oben. Der Stalin-Verehrer wurde Spezialist für die Beseitigung von Gegnern außerhalb und innerhalb der Partei, wobei er nur wenig Skrupel, doch dafür umso mehr Einfallsreichtum an den Tag legte. 1979 schließlich riss er die Macht an sich und prägte fortan als Präsident entscheidend das Gesicht des modernen Irak.

Die Modernisierung des Irak beschreibt Coughlin in ihrer ganzen Zweischneidigkeit. Zum einen ließ Saddam Hussein die Erdölindustrie verstaatlichen und dank der plötzlichen Milliarden-Einnahmen Schulen, Universitäten und Krankenhäuser bauen sowie die gesamte Infrastruktur vorantreiben. Zum anderen baute er einen totalitären Staat mit einem allgegenwärtigen Geheimdienst auf, in dem rücksichtslos jede Art von Opposition unterdrückt wurde.

"Saddams Fremdenlegion" im Westen

Nicht zuletzt nutzte Saddam die Öl-Milliarden, um sein Lieblingsprojekt zu verwirklichen: Die Beschaffung der von ihm so heiß ersehnten Massenvernichtungswaffen. Dabei fand er im Westen willige Helfer, "Saddams Fremdenlegion", wie sie auch genannt wurden: Frankreich unter dem damaligen Ministerpräsidenten Jaques Chirac lieferte eifrig Nuklearmaterial, die Deutschen bauten Chemieanlagen, die Russen lieferten Raketentechnik.

Und nicht zuletzt die Amerikaner näherten sich nach der Vertreibung des iranischen Schahs durch Ayatollah Khomeini wieder dem Irak an, frei nach dem Motto "Der Feind unseres Feindes ist unser Freund". Hier war es ausgerechnet Donald Rumsfeld, damals US-Sonderbotschafter für den Nahen Osten und als heutiger Verteidigungsminister stärkster Verfechter eines Angriffs auf den Irak, der den Irak aus seiner diplomatischen Isolation herausholte.

Coughlins Verdienst ist es, diese doppelbödige Politik des Westens gegenüber dem Irak klar herausarbeiten. Gerade auch nach dem Golfkrieg im Jahr 1991 zeigte sich die Zweischneidigkeit erneut: Der Irak lag in Trümmern und die USA riefen die Menschen im Irak zum Sturz Saddam Husseins auf. Als sich die Kurden und die Schiiten dann tatsächlich gegen den Diktator erhoben, warteten sie jedoch vergeblich auf Washingtons Schützenhilfe: Sie blieben allein gelassen, ihre Aufstände ließ Saddam Hussein blutig niedergeschlagen.

Coughlins Biographie wirft damit ein äußerst erhellendes Bild die Nahostpolitik des Westen sowie die gesamte Region. Der Herausgeber der britischen Zeitung "Sunday Telegraph" trägt mit seiner ebenso gut recherchierten wie lesbaren Studie erheblich zum Verständnis der derzeitigen Irak-Krise bei. Zugleich liefert er ein Psychogramm eines im Alter immer mißtrauisch und einsam werdenden Diktators, das sich zum Teil wie ein Kriminalstück liest und menschliche Abgründe vor Augen führt.

Gudula Hörr

Con Coughlin: "Saddam Hussein. Porträt eines Diktators", List-Verlag, München 2002, 496 S., 24,-Euro

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