Mittwoch, 01. Dezember 2004
"Sonne der Menschheit": Porträt eines Unbekannten
Nordkorea ein Land voller Rätsel. Die letzte stalinistische Diktatur; die Menschen werden brutal unterdrückt und es herrscht ein absurder Personenkult um den Staatsgründer Kim Il Sung und seinen Sohn und derzeitigen Machthaber Kim Jong Il. Grundlage ist eine auf "Juche" (Selbstvertrauen) fußende Ideologie.
Nordkorea ist seit 2001 im Mittelpunkt des weltpolitischen Interesses. Der amerikanische Präsident George W. Bush hatte es in die "Achse des Bösen" eingereiht. Grund ist das Atomwaffenprogramm, das die Führung in Pjöngjang seit Jahren verfolgt.
Der britische Journalist Michael Breen ein exzellenter Korea-Kenner, der Ende der 80er Jahre als Mitglied einer Delegation mit Kim Il Sung zusammentraf legt die erste Biografie über Kim Jong Il vor, den das US-amerikanische Magazin "Time" in diesem Jahr zu den mächtigsten Männern der Welt zählte. Er verfolgt seinen Weg vom ungeliebten Sohn eines zum "Großen und Geliebten Führer" vergötterten Vaters zu dessen Nachfolger und "Geliebten Führer".
Kim Jong Il wurde lange für den Posten aufgebaut. Mit zunehmendem Alter seines Vaters Kim Il Sung übernahm er die politischen Tagesgeschäfte. Dennoch ist er nach wie vor ein Rätsel viele Lebensdaten wurden von der nordkoreanischen Geschichtsschreibung verklärt. Selbst der Ort von Kims Geburt - sibirisches Exil oder ein Partisanenlager am Berg Paekdu - ist umstritten.
"Geliebter Führer" ist die Bezeichung für Kim Jong Il, die in den Schulbüchern zu finden ist. Aber er wird auch Mitte der Partei, Einzigartiger Führer, Weiser Führer, Geachteter Führer, Oberster Befehlshaber, Vater des Volkes, Morgenstern des Paekdu, Führer aus Stahl, Unser Vater, Geliebter General, Sonne des 21. Jahrhunderts, Sonne der Menschheit, Immerwährender Himmel usw. genannt.
Es ist schwierig, eine Biografie über den Führer eines Staates zu schreiben, in dem Lüge und Verklärung vorherrschend sind. Kim Jong Il ist eine bizarre und geheimnisumwitterte Persönlichkeit. Er hielt sich gerne im Hintergrund. Zu Regierungszeiten seines Vaters sprach er nie in der Öffentlichkeit und erschien nur selten bei Treffen mit Ausländern.
Breen muss sich somit vor allem auf Aussagen derer stützen, die mit Kim Jong Il zu tun hatten. Viele von ihnen hatten den Eindruck, dass es ihm schwer fiel, entspannt zu wirken, und dass er angestrengt versuchte, natürlich zu lächeln. Allerdings war das Unauffällig-Bleiben seine Überlebensstrategie, war Kim doch nicht automatisch zum neuen Führer erkoren. So handelte er jahrelang als Erbe und überlebte damit politisch.
Kim Jong Il wurde in Südkorea als Playboy, leidenschaftlicher Konsument der Cognac-Marke Hennessy Paradis und als sich mit hübschen Mädchen umgebender Choleriker dargestellt. Aber dieses Bild bekam spätestens nach dem Besuch des südkoreanischen Staatschefs Kim Dae Jung im Juni 2000 in Pjöngjang Risse. Andere beschreiben ihn als gebildeten Menschen, der ein sehr umsichtiger Gastgeber ist. Legendär ist sein Interesse für die Filmkunst.
Somit bleibt Breen nichts anderes übrig, zur Erklärung von Kim Jong Ils Wirken viele Fakten zu Nordkorea selbst zu schreiben. Dieses tut er allerdings in eindrucksvoller Form. Besonders das neunte Kapitel über die Lage in den Gulags und Gefängnissen verdeutlicht den Unterdrückungsapparat, dem der mit Ausländern freundlich plaudernde Kim vorsteht.
Die Biografie über Kim Jong Il ist eine Studie über einen kommunistischen Herrscher, der dem Griff des Systems, das er mit geschaffen hat, nicht entkommen kann.
Wolfram Neidhard
Michael Breen: "Kim Jong Il. Nordkoreas 'Geliebter Führer'", Europäische Verlagsanstalt, 2004, 250 Seiten, 24,90 Euro

