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Rolf Behrens: Raketen gegen Steinewerfer

Nur wenige Politiker der Welt kommen wohl beim "Spiegel" in den Genuss so vieler und fantasiereicher Beiworte: Scharfmacher, altes Schlachtross, Superfalke, Betonkopf, eiserner General, ultrarechter Krieger, blindwütig, kriegszorniger, schlachtenerprobter Führer, Kriegstreiber, bulliger Siedlerfreund, schwerer Gladiator, nationalistischer Demagoge, der seine Karriere auf der Angst, dem Fremdenhass und den Vorurteilen der Massen aufbaut, Schlächter, Arik der Schreckliche.

Der deutsche Medienforscher Rolf Behrens hat sie im Rahmen einer Studie über das Israel-Image beim"Spiegel" gesammelt, dem "Trendsetter" der deutschen Medien. Untersucht wurden Artikel aus der Zeit der ersten Intifada (1987-1992) und der sogenannten El Aksa Intifada, zwischen September 2000 dem 8. April 2002, als die israelische Armee in Dschenin einmarschierte. Während dem amtierenden israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon alle denkbaren Attribute vergangener Zeiten angelastet werden, bleibe sein "Kontrahent" Jassir Arafat ein "friedenswilliger" Mann "ohne Vergangenheit".

Fast die Hälfte der 168 Seiten umfassenden "Inhaltsanalyse der Berichterstattung" ist einer Beschreibung der Kriterien und Forschungsmethoden gewidmet. So will Behrens verhindern, mangels exakter Vorgehensweise, auf Glatteis zu geraten, wenn er anhand von Statistiken und Zitaten dem Spiegel offene oder indirekte antisemitische Klischees vorwirft. Dazu zählt Behrens nicht nur die eilfertigen Vergleiche zwischen israelischem Vorgehen in den palästinensischen Gebieten und dem Verhalten der Nazis während des Holocaust. Dazu gehört auch die Beschreibung Israels als Apartheitstaat, als rassistischer Unterdrücker einer Minderheit und eine Hervorhebung der Macht der "israelischen Lobby", was dem alten Klischee der "jüdischen Weltverschwörung" gleichkomme.

Der Autor belegt ein immer wiederkehrendes Motiv der Spiegelautoren: den bevorstehenden Untergang Israels. Mal sind es 300 Millionen Dollar, die Kosten des militärischen Einsatzes gegen die palästinensische Intifada, das Ausbleiben der Touristen, der schlechte Ruf in der Welt, das "zu Tode siegen" oder die Welle russischer Einwanderer, die den jüdischen Staat überfordere.

Behrens beschreibt das, zieht daraus aber nicht den Schluss, dass dieses Motiv durchaus der Vater des Wunschtraumes einer Zerstörung Israels sein könnte, wie er in der arabischen Welt offen ausgesprochen wird. Dieses vom Spiegel regelmäßig dargestellte Ende des jüdischen Staates hält beim deutschen Leser die Frage nach dem Existenzrechtes des jüdischen Staates wach. Die Spiegelreporter setzen so im Falle der "Israel-Frage" eine Argumentationslinie fort, die von den Nazis im Falle der angeblichen "Judenfrage" bekanntlich eindeutig beantwortet worden ist.

Nicht alle von Behrens aufgestellten Arbeitshypothesen bestätigen sich, so etwa eine Trübung der deutsch-israelischen Beziehungen als Folge der Negativdarstellung Israels. Insgesamt jedoch entsteht der beklemmende Eindruck, als lege das Nachrichtenmagazin bei seiner Beschreibung Israels von Vorurteilen und Klischees geleitete Maßstäbe an. Eine bekannte Methode ist nicht nur die Auswahl der Themen. So fiel Behrens auf, dass der Spiegel immer wieder die Folgen der Nahostkriege erwähnt, die palästinensischen Flüchtlinge nach 1948 oder die Besatzung nach 1967. Aber mit keinem Wort werde da erwähnt, was zu den Kriegen führte. So entstehe der Eindruck als trage Israel nicht nur die volle Verantwortung für die Kriegsfolgen, sondern auch für die Kriege selber.

Das Buch untersucht lediglich das Bild "Israels" im Spiegel. Das ist zwar ein legitimer Ansatz, aber auch eine Schwäche. Denn in dem nahöstlichen Konfliktzustand sollte mit gleicher Gewissenhaftigkeit die Haltung des Spiegels gegenüber den Arabern und besonders den Palästinensern ausgewertet werden. Das tut Behrens nur beiläufig und setzt sich so dem möglichen Vorwurf aus, ein einseitiges Bild der Berichterstattung über Israel erforscht zu haben.

Ulrich W. Sahm

Rolf Behrens, "Raketen gegen Steinewerfer", Das Bild Israels im "Spiegel", LIT Verlag Münster, 2003, 168 Seiten

Quelle: n-tv.de