Montag, 16. April 2007
Nigerias Lebensader: Rebellen bedrohen Ölindustrie
Port Harcourt, die Hauptstadt der nigerianischen Ölindustrie, ist ein heißes Pflaster für Ausländer. Seit Beginn vergangenen Jahres wurden mehr als 130 Ausländer entführt, eine amerikanische Baufirma hat sich bereits aus dem Nigerdelta zurückgezogen, und Experten erwägen eine Verlagerung der Produktion auf Bohrinseln vor der Küste. "Offshore ist keine Lösung", meint allerdings ein hochrangiger Angestellter von Shell Nigeria, der nicht genannt werden will. "Die Rebellen haben auch schon Bohrinseln angegriffen. Wir müssen dafür sorgen, dass wir wieder in einer friedlichen Umgebung arbeiten können", fügt er hinzu.
Seit Aufständische Anfang 2006 ein Shell-Terminal zerstört haben, hat das Unternehmen die Produktion von etwa einer Mio. Barrel täglich um etwa die Hälfte zurückgefahren. Immer wieder kommt es zu Sabotageakten. Hinzu kommt das Millionengeschäft mit illegal abgezapftem Öl, in das auch führende Politiker verwickelt sein sollen. Trotz des Milliardengeschäfts leidet die Bevölkerung im Delta unter bitterer Armut, fehlender Infrastruktur und massiven Umweltschäden. Dafür ist aber nicht allein die Ölindustrie, sondern vor allem auch der nigerianische Staat verantwortlich.
Von den Öleinnahmen erhält der nigerianische Staat auf Grund von Beteiligungen und Abgaben etwa 95 Prozent. Präsident Olusegun Obasanjo hat während seiner Amtszeit dafür gesorgt, dass weniger Geld in den Norden fließt (wo die früheren Militärherrscher ihre Machtbasis hatten) und mehr in die Öl produzierenden Bundesstaaten im Delta. Im vergangenen Jahr erhielten die Gouverneure dort etwa sechs Mrd. Dollar. Bei der Bevölkerung ist dabei allerdings so gut wie nichts angekommen. Stattdessen haben sich Politiker protzige Paläste bauen lassen, Privatjets gekauft oder auch schon mal die Lieblingsfußballmannschaft zu den Meisterschaften geflogen.
Zu den "Aufständischen" zählen mehrere militante Gruppen, die im Delta aktiv sind. Die bekannteste nennt sich Bewegung für die Befreiung des Nigerdeltas und verschickt Brandschreiben, in denen sie den Abzug der ausländischen Ölindustrie aus dem Delta fordert. "Wir wollen endlich selber die Kontrolle über die Reichtümer unseres Landes bekommen", lautet der Refrain.
Seit die ersten Lösegelder geflossen sind, hat sich im Nigerdelta die Entführung von Ausländern zum großen Geschäft entwickelt. In Port Harcourt sprechen Zyniker von "gewerblichen Entführungen". Die meisten Ausländer bewegen sich in der Stadt nur noch in Konvois mit bewaffneter Eskorte, die in hohem Tempo mit Sirenen durch die Stadt preschen. Sie leben in Wohnanlagen, die an Hochsicherheitstrakte erinnern.
Ob sich die Lage im Nigerdelta wieder beruhigt, hängt nach Ansicht von Beobachtern vor allem von dringend notwendigen Investitionen in die Infrastruktur ab. "Es reicht nicht, alte Schulen neu zu streichen, es müssen neue Schulen gebaut werden", sagt ein Einwohner. "Die Menschen hier müssen am Reichtum ihrer Region beteiligt werden, nicht bloß die Politiker."
Von Ulrike Koltermann, dpa

