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Dienstag, 27. Mai 2008

US-Geflügel-Import umstritten: Reingewaschen in Chemie

"Mit Chemikalien dekontaminiert" könnten überraschte Verbraucher künftig auf Verpackungen von Hühnchenschenkeln oder Putenbrüsten lesen - zumindest, wenn es nach dem Willen der Europäischen Kommission geht. Die Brüsseler Behörde will vorschlagen, mit Chlorwasser gesäubertes Hühnerfleisch aus den USA wieder in europäische Supermärkte zu lassen. Deutschen Geflügelherstellern schmeckt der Plan ebenso wenig wie Verbraucherschützern. Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) hat entschiedenen Widerstand angekündigt.

Garantiert keimfrei auf den Teller: Das versprechen US-Hühnerzüchter ihren Kunden und tunken Geflügel vor dem Verkauf in eine Lösung mit antibakteriellen Substanzen, darunter Chlordioxid und Natriumchlorit. Unappetitlich, befand die EU bereits 1997 und untersagte die Einfuhr. In dem seit elf Jahren schwelenden Handelsstreit will Brüssel Washington nun entgegenkommen, pünktlich zum EU-USA-Gipfel am 10. Juni in Slowenien.

"Die Amerikaner haben Recht"

Hinter dem EU-Vorstoß steht der deutsche Industriekommissar Günter Verheugen (SPD). "Die Amerikaner haben Recht", heißt es aus seinem Umfeld. Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat "keine Sicherheitsbedenken" gegen das US-Hühnerfleisch. Im April forderte sie allerdings weitere Untersuchungen, ob der Verzehr der Chlor-Hühnchen Menschen nicht doch gegen Antibiotika immun machen kann. Deshalb will die Kommission das US-Geflügel zunächst nur "provisorisch für zwei Jahre" auf den Markt lassen, wie es in dem Verordnungsentwurf heißt.

Widerstand kommt aus Deutschland, Gammelfleischskandale hin oder her. Der Deutsche Bauernverband, der Zentralverband der Geflügelwirtschaft und der Bundesverband der Verbraucherzentralen appellierten in einem gemeinsamen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die Wiederzulassung der Chemie-Hähnchen zu verhindern. Mit dem europäischen System von Kontrollen entlang der gesamten Erzeugerkette werde dem Verbraucher anders als in den USA ein "natürliches Lebensmittel" angeboten, betonen sie.

20 von 27 dagegen

Auch Landwirtschaftsminister Seehofer ist ein Feind der "chemischen Keule" gegen Salmonellen und Co. Bei einem EU-Treffen im slowenischen Maribor machte er noch einmal deutlich, was er von dem Kommissionsvorschlag hält: "Gar nichts." Auch die Kommission räumt ihrem Vorschlag nicht übermäßige Chancen ein, wie aus einem internen Memorandum hervorgeht. Mindestens 20 der 27 EU-Staaten wollten gegen den Plan stimmen, der im Ministerrat eine qualifizierte Mehrheit erfordert, heißt es darin.

Ist der Vorschlag damit genauso tot wie die Salmonellen auf einem US-Hühnerschenkel? Nicht unbedingt, meint der deutsche Europaparlamentarier Horst Schnellhardt. Der CDU-Politiker und Fachtierarzt für Lebensmittelhygiene kann sich einen Kompromiss vorstellen. Dann nämlich, wenn auf der Verpackung "chlorbehandelt aus den USA" zu lesen ist und der Verbraucher selbst entscheiden kann, ob er das Hühnerfleisch kauft. Eine "auffällige und deutlich lesbare" Kennzeichnung sieht auch die Kommission in ihrem Entwurf vor. In diesem Fall könne er doch zustimmen, sagt Schnellhardt: "Chlor wird schließlich auch im Trinkwasser zugesetzt."

Von Stephanie Lob, AFP

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