Donnerstag, 27. März 2008
Verlorenes Vertrauen: Sturmwarnung für Banken
Die Folgen der US-Hypothekenkrise halten die Märkte in Atem. Die Rettungsaktionen für angeschlagenene Institute wie Bear Stearns und die deutsche Mittelstandsbank IKB ziehen zunehmend Kritik auf sich. n-tv.de sprach mit Stefan Best, dem Leiter des Bankenratingteams von Standard & Poor's Deutschland, über die Konsequenzen für die deutsche Bankenlandschaft.
n-tv.de: Herr Best, die Turbulenzen an den Finanzmärkten haben viele Institute hart getroffen. Wie beurteilt Standard & Poor's die aktuelle Lage der deutschen Bankenbranche?
Stefan Best: Die Markttubulenzen der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres haben die Gewinne der 16 von uns bewerteten Großbanken Deutschlands scharf reduziert. Grund sind die Neubewertungen der Kredit- und Liquiditätsrisiken sowie gesunkene Einnahmen aus dem Trading- und Investment-Bereich. Dieser Trend hat sich über die ersten Wochen des Jahres fortgesetzt. Zusätzlich haben weitere Hiobsbotschaften die Unsicherheit an den Märkten verstärkt. Die steigenden Risikoprämien werden sich weiterhin dämpfend auf die Profitabilität der Banken auswirken. In den vergangenen Monaten haben wir den Ausblick von sieben der von uns bewerteten Institute überprüft, wobei nicht alle Änderungen im Zusammenhang mit dem Engagement der Banken im Subprime-Bereich des US-Hypothekenmarktes standen. Wir gehen davon aus, dass im Rating der deutschen Banken nur moderate Veränderungen anstehen, wenn sich die Marktturbulenzen nicht weiter verschärfen.
Im Zusammenhang mit Kreditkrise und hohen Verlusten werden auch Alternativen zur Stützung diskutiert. Wie sehen Sie das?
Auch wenn die Marktverwerfungen zu einer erheblichen Belastung der Ertragslage, Eigenkapitalausstattung und Liquidität führen, sind aus heutiger Sicht die von uns bewerteten Banken grundsätzlich stark genug, um die zum Teil nur temporären Marktwertverluste selbst zu tragen. Landesbanken und DZ Bank profitieren zusätzlich davon, dass sie Eigentümer haben, die bereit und in der Lage sind zu helfen, wenn es notwendig sein sollte - wie im Fall der WestLB und bei der SachsenLB. Das Verhalten der Zentralbanken sehen wir ebenfalls positiv, da es den Einfluss der Verspannungen am Markt mindert. Insofern sehen wir für deutsche Institute keine Notwendigkeit für zusätzliche Maßnahmen.
Welche Konsequenzen hätte der Zusammenbruch einer einzelnen Bank für die Ratingnoten der von Standard & Poor's bewerteten Häuser?
Das lässt sich pauschal nicht beantworten und hängt von der Bedeutung des Institutes im nationalen und internationalen Finanzmarkt ab. Direkt hat eine Insolvenz eines einzelnen Institutes Auswirkungen, wenn andere Banken als deren Kreditgeber fungieren. Das Stichwort lautet hier: Kreditrisiko. Indirekte Auswirkungen könnten über die Sicherungseinrichtungen und durch einen Vertrauensverlust in den deutschen Finanzmarkt entstehen. Je nach Bedeutung des Institutes und die Marktreaktion hierauf wären Ratingimplikationen zu beurteilen.
Mitte Februar hat Standard & Poor's vor einer erhöhten Kreditausfallgefahr im M&A-Geschäft gewarnt. Wie stellt sich die Situation hier aktuell dar?
Im inländischen Kreditgeschäft sehen wir keine besonders erhöhte Ausfallgefahr, da das inländische Kreditwachstum seit Jahren sehr niedrig ist, die deutschen Unternehmen ihrer Wettbewerbsfähigkeit verbessert haben, die deutschen Immobilienmärkte sich erholen beziehungsweise stabil sind, und die Verschuldung der Haushalte seit Jahren nicht mehr gestiegen ist relativ zum BIP. Es hat also in den letzten Jahren im Gegensatz zu anderen Ländern weder im Kreditgeschäft noch im Immobiliensektor ungesunde Übertreibungen gegeben. Der Hinweise auf erhöhte Ausfallgefahr bezieht sich auf die Finanzierung von Unternehmensübernahmen und nicht auf das Kreditgeschäft generell, das immer noch historisch niedrige Ausfälle aufweist.
Eine Frage zum Ausblick - stehen der deutschen Bankenbranche weitere Abschreibungen bevor oder sehen Sie ein Ende der Krise bereits in Reichweite?
Die fünf großen Banken aus dem privaten Sektor sind nach unserer Einschätzung ausreichend vorbereitet, um sicher durch die schwierigen Zeiten zu steuern - vor allem weil ihr finanzielles Profil weitgehend unversehrt geblieben ist. Trotzdem halten wir es für wahrscheinlich, dass die Gewinne unter dem niedrigeren Niveau bei den Einkünften aus dem Wertpapierhandel und den steigenden Risikokosten leiden werden. Auch die Kosten für möglicherweise anstehende Restrukturierungsmaßnahmen - wie zum Beispiel jüngst von der Dresdner Bank angekündigt - können das Ergebnis belasten. Wir gehen daher davon aus, dass sich die Dresdner Bank deshalb im Vergleich zu den anderen Großbanken in einer schwächeren Position befindet. Anders die Landesbanken: Wegen ihres weniger breit gefächerten Geschäftsmodells und der insgesamt geringeren Finanzstärke sind die meisten Landesbanken weniger gut darauf vorbereitet, die stürmische Zeiten auszusitzen.
(Mit Stefan Best sprach Martin Morcinek)

