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Sonntag, 12. Oktober 2008

Neoliberalismus am Pranger: Supermacht in der Sackgasse

Auch wenn es in den USA niemand hören will, steht die Ära der weltweiten politischen und wirtschaftlichen Vorherrschaft des "Imperiums" offenbar vor ihrem Ende. Die Jahrzehnte unumstrittene Supermacht ist nicht nur in zermürbende Kriege im Irak und in Afghanistan verwickelt, sondern leidet nun auch unter der schlimmsten Wirtschaftskrise seit knapp achtzig Jahren. Angesichts des Taumelns der Bankenriesen, der einbrechenden Börsenkurse und der im Sog der Finanzkrise verschwundenen Milliardenbeträge wird zudem der in den USA bislang quasi als Staatsdoktrin geltende Wirtschaftsliberalismus in Frage gestellt.

Dass in diesen Tagen alte Feinde der USA wie die stets laut tönenden Regierungen in Venezuela und dem Iran bereits den Untergang der verhassten Großmacht gekommen sehen, ist nicht verwunderlich. Inzwischen reden aber auch sachliche Regierungsvertreter wie - kürzlich im Bundestag - Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) davon, dass die USA "ihren Status als Supermacht des Weltfinanzsystems verlieren".

Bevölkerungsreiche Staaten wie Indien, China und Brasilien streben mit aller Macht danach, ihre Stellung im Kräftefeld der Wirtschaftsmächte zu verbessern. Die Welt erlebe derzeit eine Zeitenwende, bei der das Mächtegleichgewicht unwiderruflich verschoben werde, analysiert der Politologe John Gray. "Die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzende Vorherrschaft der USA ist vorüber", schreibt er in einem Artikel für den britischen "Oberserver".

Was kommt nach der Supermacht USA?

Unklar ist jedoch noch, was auf die Ära der US-Hegemonie folgt. Zwar stehen auf den Listen mit den reichsten Menschen der Welt immer weniger US-Bürger und immer mehr Russen, Inder und Mexikaner. Die internationale Wirtschaftssprache bleibt jedoch Englisch, die wichtigsten Handelsplätze sind bis auf weiteres die Börsen in New York und London.

Der ehemalige US-Außenamtssprecher Nicholas Burns, inzwischen Professor für internationale Politik an der Harvard-Universität, hält die Vormachtstellung der USA trotz der Wirtschaftskrise für ungebrochen. Die militärische Macht und auch der politische Einfluss des Landes bestünden fort, sagt Burns. Dennoch werde dem kommenden US-Präsidenten die Aufgabe zukommen, die Interessen des Landes auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet im Dialog mit den anderen wichtigen Ländern durchzusetzen.

Marktradikalismus als Irrweg

Diese Mahnung zu mehr Gesprächsbereitschaft auf dem internationalen Parkett und in den multinationalen Organisationen zeigt jedoch, dass für die USA eine neue Zeit angebrochen ist. Unter der Regierung des scheidenden Präsidenten George W. Bush galt die Doktrin, dass die USA ihre Außenpolitik ohne internationale Absprachen verfolgen können. Ins Wanken geraten ist durch die Turbulenzen an der Wall Street auch die wirtschaftsliberale Ideologie, die von den USA seit Jahrzehnten in Organisationen wie der Weltbank und dem Internationalem Währungsfonds (IWF) verfolgt wird.

Mit dem praktizierten Modell hätten sich die USA in eine "Sackgasse" manövriert, bemerkte auch die deutsche Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) am Wochenende bei einem Besuch in Washington. "Die marktradikalen Wege haben sich als entsetzliche Irrwege erwiesen", sagte sie. "Dass jetzt in den USA und Großbritannien Banken verstaatlicht werden, hätte ich in meinen früheren Juso-Zeiten nicht mal zu träumen gewagt."

Von Luis Torres de la Llosa, AFP

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