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Sonntag, 12. März 2006

Kunstaktion im Rheinland: Synagoge als "Gaskammer"

Eine Synagoge bei Köln ist im Rahmen einer Kunstaktion zur "Gaskammer" geworden. Der international bekannte spanische Künstler Santiago Sierra leitete an diesem Sonntag zum ersten Mal hochgiftige Abgase aus den Auspuffrohren von sechs Autos in das frühere jüdische Bethaus von Pulheim-Stommeln ein. Mit seiner Arbeit wolle er "gegen die Banalisierung der Erinnerung an den Holocaust" angehen, erklärte der 39-Jährige in einer schriftlichen Stellungnahme zu Beginn seines Projektes "245 Kubikmeter".

Besucher können mit einer Atemschutzmaske und in Begleitung eines Feuerwehrmannes einzeln und für wenige Minuten den Synagogenraum mit seiner lebensgefährlichen Konzentration an Kohlenmonoxid betreten. Die Aktion soll an jedem Sonntag - außer Ostersonntag - bis 30. April erneut stattfinden.

"Eine Beleidigung der Opfer"

Der Zentralrat der Juden in Deutschland kritisierte die Kunstaktion scharf. Das Einleiten von Auspuffgasen in den ehemaligen jüdischen Betraum sei "eine Beleidigung der Opfer", sagte der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer. Die "niveaulose" Aktion "geht über die Grenzen dessen, was angemessen ist, weit hinaus".

Er frage sich, warum die Opfer und nicht die Täter provoziert würden, sagte der Zentralrats-Generalsekretär. Zweifelsohne müssten neue Wege der Erinnerung an den NS-Judenmord gefunden werden: "Aber wenn das die neue Form der Erinnerung ist, sollen wir dann Auschwitz wiedereröffnen und an die Besucher Gasmasken verteilen, um ein authentisches Erfahrungserlebnis zu bekommen?", fragte Kramer.

Die ehemalige Synagoge von Stommeln, die das NS-Regime unbeschädigt als Stall überstanden hat, ist seit 1991 alljährlich Schauplatz hochkarätiger Kunst-Ereignisse. Bedeutende Künstler wie Richard Serra, Eduardo Chillida, Carl Andre, Rosemarie Trockel oder Sol LeWitt haben sich dabei mit dem Gedenkort auseinander gesetzt.

Drastische Aktionen

Mit zahlreichen drastischen Aktionen, die sich gegen Rassismus und Ausbeutung wandten, hat sich der aus Madrid stammende und in Mexico City lebende Künstler Santiago Sierra bereits in den vergangenen Jahren in der Kunstszene einen Namen gemacht. So tätowierte er jungen Arbeitslosen eine lange Linie auf den Rücken, färbte die Haare von Afrikanern blond, um sie zu "Europäern" zu machen oder mauerte auf der Biennale von Venedig den spanischen Pavillon zu, den nur Spanier nach Vorlage ihres Passes betreten durften.

Auch mit seinem Werk in der seit 80 Jahren nicht mehr als Bethaus genutzten Synagoge wolle er zum Nachdenken über "das chronische und instrumentalisierte Schuldgefühl" auffordern. Gleichzeitig solle es eine Arbeit sein "über den industrialisierten und institutionalisierten Tod, von dem die europäischen Völker auf der Welt lebten und immer noch leben", erklärt Sierra, der dem Beginn seiner Aktion fern geblieben ist.

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