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Dienstag, 16. April 2002

Skandal-Chronik Neuer Markt: Tanz auf dem Vulkan

Der große Börsenhype begann um die Jahrtausendwende. Berauscht vom Gefühl einer scheinbar ganz neuen Ära, beflügelt von gigantisch wachsenden Kursen und offensichtlich benebelt von der Gier nach dem schnellen Geld wurden Deutschlands bisherige Bausparer und Sparbuchbesitzer quasi über Nacht allesamt zu Börsenexperten.

Im Bekanntenkreis galt es als sexy, über die "heißen" Papiere am Neuen Markt zu philosophieren. Selbst wer sich vorher noch nie mit dem Thema Börse beschäftigt hatte, wollte jetzt ganz schnell ganz reich werden. Nicht wenige nahmen Kredite auf, um ihre Aktienabenteuer zu finanzieren.

Sex-Appeal verloren

Doch zahlreiche Kursabstürze und Unternehmenspleiten später hat der Neue Markt stark an Sex-Appeal verloren. Früher hoch gehandelte Werte sind kaum noch etwas wert oder komplett im Orkus verschwunden. Nach dem Höhenrausch kam der Kater - und die schmerzhafte Erkenntnis, dass der bisherige Tanz ums Goldene Kalb wohl eher ein Tanz auf dem Vulkan war. Auch für den Neuen Markt gilt eben die spießige Regel, dass Geld nicht einfach durch Kurssteigerungen entsteht, sondern auch irgendwo verdient werden muss.

Die vorläufige Skandal-Chronik des Neuen Marktes

September 2000: Den Anfang macht die Firma Gigabell. Das Frankfurter Telekom-Unternehmen schockiert die Anleger knapp ein Jahr nach dem Börsengang mit der Insolvenzmeldung. Im November wird das Verfahren eröffnet. Im Februar 2001 fliegt Gigabell aus dem Neuen Markt. Die Aktionäre gehen leer aus.

April 2001: Mit Insolvenz macht auch die Firma Teldafax von sich reden. Das Unternehmen hat die Quartalszahlen nicht vorgelegt und wird im August nach den neuen Börsen-Regeln vom Neuen Markt ausgeschlossen.

Mai 2001: Die Software-Firma Infomatec setzt die Pleitewelle fort. Durch Kursmanipulationen ins Gerede gekommen, lässt das Unternehmen den Neuen Markt immer düsterer erscheinen. Die Aktionäre gehen auf die Barrikaden - mit Erfolg. Im September 2001 spricht das Landgericht Augsburg einem Anleger rund 50.000 Euro Schadenersatz zu. Wegen offensichtlich falscher Ad-hoc-Meldungen muss der Vorstand zahlen. Vier Monate später weist dasselbe Gericht eine Schadenersatzklage in Höhe von rund 13.800 Euro gegen Infomatec ab. Die vier Kleinaktionäre haben ihre Forderung mit angeblich falschen Pflichtmitteilungen des Unternehmens begründet.

Juli 2001: Nach 15 Jahren muss auch Management Data, einer der Oldies am Neuen Markt, Insolvenz anmelden. Im November fliegt das Unternehmen aus dem Wachstumssegment.

August 2001: Das Insolvenzverfahren für Kabel New Media wird eröffnet und bringt dem Neuen Markt neue Negativ-Schlagzeilen ein. Mit Unregelmäßigkeiten bei der Vorlage des Geschäftsberichts fällt der Multimedia-Dienstleister den neuen Ausschluss-Regeln der Deutschen Börse zum Opfer. Das Softwareunternehmen Lipro AG wird unter Insolvenzverwaltung gestellt, soll aber in Zusammenarbeit mit dem Insolvenzverwalter saniert werden.

September 2001: Auch der Internet-Dienstleister PopNet muss Insolvenz beantragen. Die Commerzbank hat dem Unternehmen eine Kreditlinie in Höhe von 17,5 Mio. Euro mit sofortiger Wirkung gekündigt.

November 2001: Die Firma Brokat wird zu einem weiteren Desaster am Neuen Markt. Das Aushängeschild der "New Economy" macht am Ende als Kapitalvernichter Schlagzeilen. Der Software-Hersteller hat sich mit zahlreichen Firmenkäufen kräftig übernommen und muss wegen Überschuldung Insolvenz anmelden. Die Aktie, die Ende 1999 noch mit 200 Euro bewertet war, fällt auf wenige Pfennige. Auch die Biodata Information Technology AG stellt einen Insolvenzantrag, wird aber am Neuen Markt weitergeführt.

Dezember 2001: Ein weiterer gefallener Börsenstar ist das insolvente Unternehmen Kinowelt, verschuldet mit rund 400 Mio. Euro. Die niederländische Gläubigerbank ABN Amro stellt den Insolvenzantrag für Kinowelt, weil ein im November fälliger Kredit nicht bedient werden kann. Der IT-Dienstleister M + S Elektronik AG und die Lobster Network Storage AG beantragen ebenfalls Insolvenz.

Februar 2002: Das Insolvenzverfahren des Musiksoftware-Unternehmens Ejay wird eröffnet. Einen Monat später kauft Empire Interactive PLC die Firma. Seit der Erstnotiz im August 2000 haben die Ejay-Aktien fast 90 Prozent verloren. Ejay hat im Dezember 2001 Insolvenz beantragt und ist weiterhin vom Delisting bedroht.

April 2002: Ein weiterer delikater Skandal trifft den krisengeschüttelten Neuen Markt. Eine Sonderprüfung des Telematik-Anbieters ComRoad ergibt, dass fast 99 Prozent der ausgewiesenen Umsätze des Unternehmens erfunden sind. Den Gang zum Insolvenzrichter schließt das Unternehmen nicht aus. Nach Einschätzung von Aktionärsschützern ist die radikale Bilanzkorrektur bei ComRoad der schwerste Betrugsfall in der kurzen Geschichte des Neuen Marktes. Wenige Tage später gibt der Moorhuhn-Erfinder Phenomedia "Anhaltspunkte zu Fehlern im Geschäftsbericht" bekannt.

Anleger verlieren - Anwälte gewinnen

Durch die Talfahrt der Aktienkurse am Neuen Markt haben Kleinaktionäre bis zu 99 Prozent ihrer Geldanlage abschreiben können. Im Kampf ums Geld verlieren viele Anleger zudem oft noch die Prozesskosten. Zu den Gewinnern der Prozesswelle gehören bislang vor allem Anwälte.

Im ersten Schadenersatzprozess gegen den Medienkonzern EM.TV weist das Amtsgericht München die Klage eines Kleinanlegers im August 2001 mit der Begründung ab, dem Aktionär hätte klar sein müssen, dass eine Geldanlage am Neuen Markt hoch risikobehaftet sei. Zwei Monate später scheitert eine Müncher Rechtsanwältin vor dem Landgericht München mit einer Millionen-Schadenersatzklage von 59 Aktionären des Medienunternehmens EM.TV. Das Landgericht sieht keine rechtliche Grundlage.

Im Januar diesen Jahres klagt eine weitere Anlegerin vor dem Münchner Landgericht. Sie habe auf die Angaben des ehemaligen EM.TV-Vorstandschefs Thomas Haffa vertraut und nun mehrere Zehntausend Mark verloren. Das Gericht weist die Klage ab.

"Das Jahr 2001 war wohl das dunkelste am Neuen Markt, " urteilt Andreas Hürkamp, Analyst bei der Düsseldorfer WestLB. Sein Kollege Gottfried Heller, Chef der Münchner Fiduka Depotverwaltung GmbH, geht noch einen Schritt weiter. Er ist sich sicher, dass es am Neuen Markt noch 30 bis 40 weitere Pleiten geben werde.

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