Samstag, 27. September 2008
In den Mühlen der Politik: Wall Street erwartet Hilfe
Nach dem größten Bankenkollaps der US-Geschichte arbeiten Regierung und Kongress mit Hochdruck an einer Einigung über das Milliarden-Rettungspaket für die Finanzbranche noch vor Öffnung der Börsen am Montag. Präsident George W. Bush und die Präsidentin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, äußerten sich am Freitag optimistisch.
In der Finanzwelt herrschte die Furcht, dass die Börsen weltweit zu Wochenbeginn erneut abwärts rauschen könnten, sollten sich Demokraten und Republikaner noch nicht auf ein Hilfspaket einigen. Nach der Schließung der größten US-Sparkasse Washington Mutual rankten sich nun Spekulationen um andere Institute. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück befürchtet für europäische Banken Wettbewerbsverzerrungen durch die US-Hilfen.
Die Demokratin Pelosi sprach von Fortschritten in den Verhandlungen. "Wir werden das Wochenende durcharbeiten, um zu einem Ende zu kommen." In der Frage des Umfangs der mit dem Programm abzudeckenden maroden Hypothekenanleihen gingen die Demokraten auf die Republikaner zu. Die USA wollen ihren Banken faule Hypothekenkredite im Volumen von 700 Mrd. Dollar abkaufen, um sie von den Risiken zu entlasten.
Eklat im Weißen Haus
Anfang der Woche herrschten noch Hoffnungen auf eine rasche Verabschiedung der von Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke vorgeschlagen Staatshilfen. Das milliardenschwere Rettungspaket bezeichnen Beobachter mittlerweile als die größte Gefahr für das Finanzsystem seit der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren.
Am Donnerstag gerieten die Verhandlungen ins Stocken. Konservative Republikaner sperrten sich und die Demokraten wollten das Paket trotz ihrer Mehrheit im Kongress kurz vor den Wahlen Anfang November nicht einfach durchwinken. Der Krisengipfel mit den beiden Präsidentschaftsbewerbern im Weißen Haus scheiterte.
Kundenflucht löste Wamu-Kollaps aus
Den Ernst der Lage verdeutlichte der Zusammenbruch von Washington Mutual. Die Aufsichtsbehörden schlossen in der Nacht auf Freitag das Institut, nachdem in den Tagen zuvor Kunden wegen der unsicheren Lage bei der Bank 16,7 Milliarden Dollar abgezogen hatten.
In dem jüngsten Sturm der seit über einem Jahr weltweit tobenden Finanzkrise war erst kürzlich die US-Investmentbank Lehman kollabiert. Zuvor hatte die USA die Hypothekengiganten Fannie Mae und Freddie Mac in einer Notfallaktion quasi verstaatlicht und nach der Lehman-Pleite den Versicherungsriesen AIG in einem beispiellosen Schritt mit 85 Mrd. Dollar gestützt.
Bei AIG in den Abgrund geblickt
Steinbrück verteidigte im Magazin "Der Spiegel" laut Vorabbericht seinen US-Kollegen Paulson gegen Kritik, in der Krise einen unklaren Kurs zu verfolgen. Bei Lehman habe die US-Regierung dem Markt signalisieren wollen, nicht in jedem Fall für eine Rettung einzuspringen.
"Bei AIG haben wir auf G-7-Ebene persönlich miteinander gesprochen und inständig gebeten, die Lage zu stabilisieren. Eine AIG-Pleite hätte eine weltweite Erschütterungsdynamik ausgelöst. Da haben wir alle in einen Abgrund geblickt."
Neue Sorgenkinder
In den Mittelpunkt der Spekulationen rückte nun die sechstgrößte US-Bank Wachovia. Die "New York Times" berichtete am Freitag unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen von ersten Fusionsgesprächen der ebenfalls von der Kreditkrise gebeutelten Regionalbank mit dem US-Branchenführer Citigroup. Sorgen über das Hypotheken-Engagement Wachovias ließen den Aktienkurs zum Wochenende um 27 Prozent abstürzen.
In Europa wechselte der belgisch-niederländische Finanzkonzern Fortis seinen Chef aus, nachdem er zuvor Marktspekulationen über einen Liquiditätsengpass entgegengetreten war. Die Fortis-Aktie schloss den fünften Tag in Folge im Minus und verlor 20 Prozent. Belgische und niederländische Bankaufsichtsbehörden berieten am Wochenende die Situation bei Fortis.
"Nicht aus der Hüfte"
Wettbewerbsverzerrungen für europäische Banken im Fall von US-Staatshilfen schloss Steinbrück nicht aus. "Das ist ein Thema", sagte Steinbrück. Aber da könne er "noch keine Lösung aus der Hüfte schießen". Zunächst müsse abgewartet werden, was die USA genau vorhätten.
Als Folge der Finanzkrise erwarte er, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland im kommenden Jahr deutlich unter den bislang geschätzten 1,2 Prozent liegen werde. Für 2008 habe er keinen Anlass für eine Revision. Er betonte nochmals, dass sich in Deutschland niemand um sein Erspartes sorgen müsse.

