Donnerstag, 23. November 2006
Materialaufwand und Schwund: Wie funktioniert Korruption?
Korruption und Geldwäsche. Das ist nichts für deutsche Ohren. In Deutschland gibt es so was nicht. Allenfalls im Ausland, besonders in Schwellen- und Entwicklungsländern. Doch nicht bei uns. Ist das wirklich so? Spätestens seit der Finanzaffäre bei Siemens gilt es umzudenken: Bei Deutschlands größtem Elektrokonzern sollen Mitarbeiter mit dreistelligen Millionenbeträgen schwarze Kassen aufgebaut haben, um Schmiergelder für Aufträge im Ausland zu haben.
Tatsache ist, dass ein Großteil des Auslandsgeschäfts vieler Unternehmen nur mit Bakschisch-Zahlungen läuft. Nicht schön und nicht mit deutschem Recht vereinbar, aber trotzdem nicht selten. Deutsche Richtlinien sind leider von der Praxis sehr oft weit entfernt, stellen Experten fest. Wir wollten wissen, wie das Schmiergeldsystem funktioniert und sprachen darüber mit dem Steuerberater Dr. Michael Bormann von bdp Bormann Demant & Partner.
n-tv.de: Was sind schwarze Kassen?
Michael Bormann: Das sind Kassen, also Gelder, die nicht in der Buchhaltung als freie Liquidität auftauchen. Entweder - das wäre der schlimmste Fall - sind die Gelder nicht gebucht und tauchen damit auch nicht in der Konzernbilanz auf. Oder - und das ist der etwas häufigere Fall - tauchen die Gelder unter anderen, falschen Kostenträgerbezeichnungen auf - weil man eben schlecht eine Million in bar im Vorstandsbüro aufbewahren kann. Es wird so getan, als handele es sich z.B. um "Materialaufwand". In Wirklichkeit wird aber etwas anderes damit bezahlt, vielleicht der Einkäufer eines Kunden. In der Buchhaltung tauchen aber immer nur Materialkosten auf. Es ist eigentlich nicht zu erkennen, um was es geht.
Meistens sind es Verbrauchsstoffe, die sofort weg sind, bei der es keine Lagerhaltung gibt. Manchmal wird auch Jahre lang "auf Schwund" gebucht. Auf diese Weise verschafft man sich auch Polster für Ausgaben, die man nicht so gerne zeigen möchte.
Wie finden Prüfer diese Gelder?
Wir erinnern uns an die Finanzaffäre bei VW. Dort waren die Gelder, Bargeld ins diesem Fall, nicht gebucht und waren damit auch nur zufällig, durch eine Indiskretion von Eingeweihten zu finden. In anderen Fällen kommen Wirtschaftsprüfer dem Geld auf die Spur, indem sie erkennen, dass immer derselbe Bereichsleiter oder Direktor "Schwund" verbucht. Handelt es sich um zweifelhafte Beraterhonorare, werden Listen mit zugelassenen Beratungsbüros für Konzerne herangezogen. Unseriöse Büros, meistens auch kleinere Pseudo-Firmen, stehen nicht auf dieser Konzernliste. Echte Berater scheuen sich, 20.000 Euro in Rechnung zu stellen, wenn sie nur Leistungen von 10.000 Euro erbracht haben und 10.000 Euro noch mal dem Manager in die Hand zu drücken.
Wenn ein Anfangsverdacht besteht, guckt man sich die Lieferscheine und Rechnungstexte dieser nicht als Konzernberater frei geschalteten Berater genauer an. Oder man guckt sich die Bankverbindungen genauer an und merkt plötzlich, dass sich eine Bankverbindung eines seriösen Konzernberaters geändert hat. Das zu überprüfen ist Aufgabe eines Prüfsoftwareprogramms, IDEA, das seit zwei oder drei Jahren auf dem Markt ist. Damit filtert man die schwarzen Schafe heraus und stellt vielleicht fest, dass die Rechnung gefälscht ist und gar nicht von der Firma ausgestellt wurde. Vor den EDV-gestützten Prüfungen war es deutlich schwieriger, solchen Abweichungen auf die Schliche zu kommen.
Jedes Unternehmen hat ein Controlling. Merken die nichts - oder wollen die nichts merken?
Es kann natürlich sein, dass mal eine ganz massive Konzeranweisung kommt, bestimmte Dinge nicht näher zu beleuchten. Da das Controlling nicht im Vorstand vertreten ist - selbst der Chef ist maximal Direktor - müssen die Prüfer um ihre Jobs bangen. Sinnvoll wäre, dem Controlling einen Vorstandsposten einzuräumen, dann würden sich die hausinternen Prüfer auf Augenhöhe mit den anderen Vorständen bewegen. In den meisten Unternehmen ist es aber nicht so. Die Banken haben im Unterschied zu anderen Branchen seit 2002 eine entsprechende gesetzliche Regelung mit den sogenannten MaKs, eine Dreiteilung bis hin zum Controlling. Das muss bis in die Geschäftsleitung oder den Vorstand hinauf vertreten sein. Das ist sinnvoll.
Welche Rolle spielen Scheinfirmen, von denen zum Beispiel jetzt im Fall Siemens die Rede ist?
Ein Scheinlieferant oder -dienstleister tritt als normale Firma auf und wird real bezahlt. Über die Zeit sammelt man in Österreich oder sonst wo viel Geld an. Über das Geld kann man dann verfügen. Bei Siemens sollen mit dem Geld überwiegend Engineering-Firmen für Ingenieursleistungen bezahlt worden sein - Leistungen also, die man nicht ins Regal packen kann. Kosten sind natürlich keine angefallen, weil es gar keine Ingenieure gab.
Zahlen Scheinfirmen Steuern?
Wahrscheinlich hat man es clever angestellt und ganz legal den niedrigeren Steuersatz des Landes genutzt.
Die Staatsanwaltschaft sagt, dass Siemens möglicherweise durch die schwarzen Kassen ein Schaden entstanden ist. Ist es im Gegenteil auch möglich, dass Siemens profitiert hat?
Die Diskussion um Siemens ist sehr polemisch. Zum Teil ist es doch sehr naiv zu glauben, dass es überall in der Welt so läuft wie bei uns in Deutschland. Schön ist es trotzdem nicht. Es ist leicht zu sagen, lieber einen Auftrag verlieren als sich auf das Niveau herablassen, Bestechungsgelder zu zahlen. Der Fall Citibank wird in der Presse erwähnt, die ganz kategorisch gesagt haben: das darf bei uns nicht vorkommen. Der Vergleich hinkt. Für die Citibank mag diese Politik mittelfristig sogar Kunden fördernd sein, mit einer sauberen Weste für sich zu werben. Die Citibank lebt vom Kundenkontakt. Einen Maschinenbauer interessiert die Meinung von Herrn Müller und Frau Schulze aber nicht. Der hat seine sieben, acht Abnehmer. Das sind auch Industriefirmen. Da nützt es gar nichts, dass er werbewirksam in die Welt hinausposaunt, dass so was bei ihm weltweit nicht mehr vorkommt. Das mag für Firmen gehen, die sehr am Endverbraucher hängen, bei denen die öffentliche Meinung auch Umsatz bringt. Für den Großteil der Zulieferer und Ausrüster ist das leider völlig egal.
Wenn Schwarzgelder in der Praxis üblich sind, sollte man diese Kassen nicht legalisieren? Bis vor vier Jahren war "Schwarzgeld" steuerlich absetzbar.
Damit würde man sagen, man heißt es gut. Das wäre das falsche Signal. Besser wäre es, mittelfristig auf alle Regierungen Druck auszuüben, dass Korruption zum Straftatbestand wird. Die EU ist ein gutes Beispiel. Der Druck auf alle Länder ist so groß geworden, dass es jetzt überall eine Zinsbesteuerung gibt. Korruption sollte als globales Projekt aufgefasst werden. Man muss zum Beispiel über die Welthandelsorganisation erreichen, dass ein Gesetz gegen Vorteilsnahme auf alle Länder ausgeweitet wird. So etwas umzusetzen würde aber sicherlich 20 Jahre dauern. Eine lange Zeit.
Das Interview führte Diana Dittmer

